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08.09.2002
SonntagsZeitung Nachrichten
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Andreas Gross: «Nicht mal soviel Lohn wie eine Verkäuferin»
Der Nationalrat über Salär und Spesen und den Nutzen von Auslandreisen von Schweizer Parlamentariern
VON CHRISTOPH LAUENER
BERN - Die von der SonntagsZeitung veröffentlichte Liste über die Reisespesen der
Politiker hat ein parlamentarisches Nachspiel - und eine Fortsetzung.
Auf rund 50 Seiten dokumentiert eine neue, detaillierte Liste, welcher Nationalrat
wann zu welchem Zweck ins Ausland gereist ist - und was es gekostet hat. Dabei werden
für Parlamentarier mit Zusatzfunktionen beträchtliche Summen ausgewiesen: Insgesamt
205 707 Franken für Claude Frey (FDP, NE), den Berichterstatter für die Aufnahme
von Jugoslawien in den Europarat, 136 931 Franken für Ruth-Gaby Vermot (SP, BE),
die auf Migrationsfragen spezialisiert ist. Rosmarie Zapfl (CVP, ZH), welche 120
522 Franken verrechnete, präsidiert die Kommission für Wirtschaft und Entwicklung,
und auch SVP-Nationalrat Jean Fattebert (VD) war mit der Assemblée parlamentaire
de la Francophonie schon mal für 11 005 Franken auf Mauritius. Der Aufwand lohne
sich, hält das Nationalratsbüro in der Antwort auf ein CVP-Postulat fest: "Um sich
ein Bild von der Welt von heute zu machen, reicht es nicht, nur an Sitzungen teilzunehmen
oder Publikationen zu lesen."
Trotzdem gibt es zur Detail-Liste Fragen: Wie schafft es beispielsweise Andreas
Gross, während eines Aufenthalts von drei Tagen in Paris für 1276 Franken Taxi oder
Metro zu fahren? Die SVP will in der Herbstsession vom Bundesrat weitere Auskünfte
verlangen: "Die grosszügige Inanspruchnahme von Bundesgeldern hat bei der Basis
und in der Fraktion zu grossem Unmut geführt", sagt Sprecher Yves Bichsel. Der SVP
gehe es um Transparenz, sagt Bichsel - und ist sich bei dieser Forderung mit dem
Sozialdemokraten Gross einig, der den Aufwand im Interview mit der SonntagsZeitung
rechtfertigt.
SonntagsZeitung: Herr Gross, Ihre "Reisespesen" von 300 000 Franken in den letzten
drei Jahren geben viel zu reden.
Andreas Gross: Reden Sie bitte nicht von Spesen. Ich habe einen klar fixierten
Lohn für meine politische Arbeit; die wirklichen Spesen machen nicht mal fünf Prozent
aus und werden nur gegen einwandfreie Belege vergütet.
Es bleiben trotzdem knapp 300 000 Franken. Wie setzen die sich zusammen?
Gross: Zu je einem Drittel aus dem effektiven Lohn, den Reisekosten und den Hotelübernachtungen
und Mahlzeiten. Wobei der Lohn aus dem Taggeld (400 Franken pro Tag) besteht, einer
Zulage für die Delegationspräsidenten, und 400 Franken für Hotelübernachtungen.
Ich bin zu 50 Prozent für die Eidgenossenschaft im Ausland unterwegs und bekomme
unter dem Strich nicht mal so viel Lohn wie eine Migros-Verkäuferin.
Wer auf die Detailabrechnung blickt, wundert sich dennoch: Wie kann man an drei
Tagen in Paris für 1276 Franken Taxi und Metro fahren?
Gross: In den meisten Fällen sind in dieser Rubrik zwischen 50 und 200 Franken
enthalten. Es gibt seltene Fälle wie diesen, dass ich ein Fahr- oder Flugbillett
zum Beispiel wegen Streiks nicht verwenden kann und dann für den Folgetag eines
aus dem eigenen Sack zahlen muss. Die Rückerstattung wird dann vermerkt.
Wieso nicht unter "Reisekosten"?
Gross: Das weiss ich nicht, das ist eine Abrechnungsfrage. Es ist auch unwichtig.
Das Reglement ist so starr und klar, dass ein Betrug gar nicht möglich wäre.
Sie empfinden die Entschädigung generell als zu gering.
Gross: Es gibt keine andere Branche, in der gut qualifizierte Leute bereit sind,
20-Stunden-Tage für diesen Lohn zu leisten. Meine Verantwortung und Qualifikation
entspricht etwa der eines Managers oder eines Chefbeamten. Ein falsches Wort im
falschen Moment in Mazedonien nächste Woche zum Beispiel kann katastrophale Konsequenzen
haben.
Es bleibt immer noch der Eindruck, dass die Auslandaktivitäten der Schweizer Parlamentarier
teuer sind. Welchen Gegenwert erbringen Sie?
Gross: Nehmen Sie Moldawien, das ärmste Land Europas. Es steht am Rand einer Implosion.
Dort habe ich die Wahlen beobachtet und viel zur Versöhnung der verfeindeten Parteien
beigetragen. Die Schweiz kann sich nicht ruhig und frei fühlen, wenn ein paar Flugstunden
entfernt Bürgerkriege und neue Flüchtlingsströme drohen. Parlamentarier können es
sich leisten, Klartext zu reden, mehr als Diplomaten zum Beispiel.
Gibts konkrete Auswirkungen Ihrer Arbeit?
Gross: Ich war dank meiner Mitgliedschaft im Europarat sechsmal an der Uno-Generalversammlung
in New York. Ohne das hätte ich nie die Idee gehabt zur Uno-Initiative und die Schweiz
wäre nicht demnächst dabei.
Was passiert Ihrer Meinung nach, wenn Leute wie Sie nicht mehr das halbe Jahr in
Europa herumfliegen?
Gross: Wir betreiben präventive Friedenspolitik, was zum Beispiel im Kosovo aus
historischen Gründen gescheitert ist. Die Folgen sind heute klar: England kostete
dieser Krieg innert weniger Monate 3 Milliarden Franken, was dem 30fachen Jahresbudget
des gesamten Europarates entspricht oder 3000-mal mehr kostet als das Auslandengagement
des Schweizer Parlaments.
Andreas Gross
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