Oktober 2009

Helvetas
Positionen

Auch alte Demokratien sind
immer unvollendete Demokratien



Von Andreas Gross

Da sind wir uns mehr als sicher: Wie alle Demokratien sind auch alte Demokratien immer unvollendete Demokratien. Jede und jeder von uns kann unzählige Vorschläge machen, wie die schweizerische Demokratie weiter demokratisiert werden kann. In diesem Sinne ist die Geschichte jeder Demokratie die Geschichte eines Demokratisierungsprozesses.

Das ist bei allen grossen konkreten Utopien so. Freiheit, Gerechtigkeit, Demokratie: Das sind grosse Ziele, hohe Ansprüche. Wir können uns überall auf der Welt an ihnen orientieren, gemeinsam mit den betroffenen Menschen versuchen, ihnen näher zu kommen, im Wissen sie nie ganz erreichen und verwirklichen zu können. Wobei die Wege, auf denen man sich diesen Ansprüchen nähern will, ganz unterschiedlich sein können. So unterschiedlich wie die Lebenswelten, die wir antreffen.

Denn überall lassen Menschen sich nicht gerne fremd bestimmen. Überall wollen sie ihre Lebenswelt so einrichten und ausgestaltet wissen, dass sie ihre Neigungen und Fähigkeiten entwickeln können. Niemand will seine Existenz als Schicksal oder gar als Last oder Erniedrigung erfahren müssen. Überall wollen Betroffene Mitentscheidende sein. Wie dies geschieht, kann sehr unterschiedlich sein. Das dies möglich wird, ist vielen an den unterschiedlichsten Orten der Welt ein gemeinsames Anliegen.

In diesem Sinn ist Demokratisierung immer ein langer, weiter und ganz unterschiedlicher gesellschaftlicher Lernprozess. Er kann überall, auch bei widrigsten Umständen, einen Anfang finden, wird aber ebenso überall noch lange kein Ende haben. Neuere Forschungen zeigen, dass fast überall auf der Welt in den vergangenen 4000 Jahren schon viele entsprechende Anfänge geschahen. Oft wurden sie verschüttet. Dezentrale Lebenswelten wurden zentralisiert, hierarchisiert, domestiziert.

Spannend und hilfreich ist es, diese verschütteten, zu oft vergessenen Anfänge wieder zu erinnern. Denn die Idee der Demokratie ist fast nirgends fremd. Nur ihr Ausdruck ist sehr unterschiedlich. Ebenso sind die entsprechenden Wege lang. Doch auch lange Wege können mit ersten Schritten begonnen werden. Demütig und doch gewiss, dass es Sinn macht, Unvollendetes zu stärken im Wissen, dass Vollendetes nirgends möglich ist.


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