15. Nov. 2008

Aargauer Zeitung
Mittellandzeitung

Zufall oder Fügung?


Im richtigen Moment wenden sich viele wieder der Politik zu

Von Andreas Gross
Andreas Gross ist Politikwissenschaftler, Nationalrat (Zürich) und Vorsitzender der SP-Fraktion in der Parlamentarischen Versammlung des Europarates in Strassburg und erlebte den Präsidentschafts-Wahltag vom 4.11.08 in New York bei der UNO und auf dem Times-Square.


Seine beste Rede kam zu spät. Dann, als alles vorüber war. Am späten Abend des 4. November 2008, kurz vor Mitternacht: John McCain war sich seiner Niederlage bewusst und zeigte sich dennoch von seiner besten, weil eigenständigen und grosszügigsten Seite. Er gratulierte nicht nur dem Sieger Obama, sondern benannte bewundernd, was er als dessen grösste Leistung erkannt hatte: Obamas Fähigkeit, Millionen von jüngeren, farbigen und nicht privilegierten Menschen zum politischen Engagement motiviert und begeistert zu haben.

Diese empfinden jetzt Politik nicht mehr als etwas Fremdes. Sie fühlen sich als Teil von ihr. Sie machen sie. Ganz im Sinne des alten ari­sto­te­li­schen, republikanischen Freiheits- und Demokratieverständ­nis­ses: Frei ist, wer handelt, wer sich frei macht, gemeinsam mit anderen ähnlich Gesinnten auf die gemeinsamen Lebensgrundlagen so Einfluss zu nehmen, dass sie mehr Gerechtigkeit, mehr Rücksicht, mehr Nachsicht ermöglichen. Demokratie ist, wenn diejenigen, die von Entscheidungen betroffen sind, Teil der Entscheidungsprozesse sind.

Gewiss war der Leidensdruck enorm. In Europa ist vielen nicht bewusst, wie der Krieg in Irak vor allem auf den Armen Amerikas lastet. Über 150'000 Soldaten sind immer noch dort. Beinahe 5000 von ihnen sind schon umgekommen. Unter ihnen sind die Ärmsten, die Farbigen, die wenig Geschulten und Vernachlässigten massiv übervertreten. Dazu kommen die Krise, die Verschuldungen, die Existenzängste. Es war einfach zu viel. Es musste etwas geschehen. Und die Menschen taten etwas dafür.

Selbstverständlich wusste sich Obamas Wahlkampfteam auch der modernsten Technologie zu bedienen. Millionen von Bürgerinnen und Bürgern, welche die Webseiten besuchten und dort ganz einfach etwas spenden konnten – die unvorstellbare Rekordsumme von über 640 Mil­lio­nen Dollar setzte sich aus Beiträgen von durchschnittlich wenig mehr als 100 Franken zusammen – wurden erfasst und immer wieder spezifisch bedient: Mit Einladungen, Ermutigungen, Aufrufen, Vor­schlä­gen und vor allem immer wieder der Erinnerung, auch Freunde und Freundinnen zum Eintrag in die Wahllisten und zum Wahlgang zu motivieren. Und dies seit zwei Jahren, in allen Bundesstaaten bis hinunter in kleinste Bezirke und Dörfer. Am Schluss waren es Zehntausende , welche in den vergangenen Monaten die meiste Freizeit den Hausbesuchen Unentschlossener und der Diskussion mit Zögernden gewidmet hatten.

Doch der Leidensdruck allein hätte nicht gereicht. Ebenso wenig die Technik. Es brauchte die Begeisterungsfähigkeit. Die Fähigkeit, Hoff­nungs­losen Hoffnung zurückzubringen. Vermeintlich Unpolitischen die Lust an der Politik, am eigenen Handeln, zu vermitteln. Die Einsicht, dass man sich selber zusammen mit anderen im Interesse der meisten helfen kann. Dass man auf Change nicht einfach wartet, sondern auch etwas dafür tut. Sogar im Wallstreet-Journal wurde eine jüngere Frau aus Michigan zitiert, welche sich fragte, was sie denn jetzt mit all ihrer Frei­zeit tun sollte. Monatelang hatte sie sich in jeder freien Stunde für Obama engagiert. Hunderte von anderen Menschen auf ihn an­ge­spro­chen, für ihn gefroren, gelitten, gehofft – und jetzt? Alles vorbei? «Ich fühle eine Leere», meinte sie. laquo;Mehr Schlaf allein bringt es auch nicht.» Vielleicht gelingt es Obamas Team ja sogar, diese Menschen politisch bei der Stange zu halten. Die Einsicht zu vermitteln, dass politisches Engagement nicht nur etwas für Wahlzeiten, Freiheit nicht nur alle vier Jahre eine Möglichkeit ist.

Immer wieder musste ich seit dem Dienstag vergangener Woche an einen alten Film aus Quebec denken mit dem wunderbaren Titel Der Zufall oder die Fügung. Die Bush-Administration hatte den Ruf der USA in einem Ausmass ruiniert wie noch nie eine US-Regierung in den ver­gan­genen 100 Jahren. Und plötzlich gelingt den USA eine Volks­be­we­gung, die einen Präsidenten an die Macht bringt, den die ganze Welt noch viel deutlicher gewählt hätte. Über Nacht konnte sich die Welt mit Amerika wieder versöhnen. Zufall oder Fügung – oder eben Frucht demokratischer Anstrengungen oder von allem etwas?

Noch wichtiger: In dem Moment, da die meisten schmerzlich erfahren, wie katastrophal der Glaube an die alleinige Ordnungsmacht des Marktes ist, im Augenblick, wo keiner mehr bezweifelt, dass die Politik und die Demokratie «endlich nachwachsen müssen» (Jürgen Habermas in der Zeit) und erst die «Transnationalisierung der Politik die einzelnen Staaten wieder handlungsfähig macht» (Ulrich Beck im Tages-Anzeiger), da wird jemand Präsident der grössten Weltmacht, der genau dies weiss und tun will. Der fort will vom Glauben, alles alleine besser machen zu können, der weiss, dass die Welt nicht an einem bestimmten Wesen oder mit einer einzigen Lebensweise genesen kann. Zufall oder Fügung?

PS. Eben habe ich gesehen, dass Bravo, die alte Zeitschrift für die immer jüngere Jugend, erstmals ihr doppelseitiges Poster einem Politiker widmet. Chefredaktor Junkersdorf soll dazu gesagt haben: «Keiner hat derzeit auf der Welt mehr Fans als Barack Obama. Wir sind uns bewusst, dass Politik auch für Jugendliche in Deutschland wieder wichtiger werden muss.» (Süddeutsche Zeitung).

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