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16. Nov. 2006
Aargauer Zeitung
Mitellandzeitung
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Weit weg und doch daheim
Zu Hause und nicht daheim
Von Andreas Gross
Andreas Gross ist Politikwissenschafter, Zürcher SP-Nationalrat,
Vorsitzender der Staatspolitischen Kommission (SPK) und als Europarat viel
unterwegs.
Ende Oktober war ich drei Wochen lang nicht zu Hause und doch daheim. Ein
wichtiger Unterschied. Bevor ich erzähle, wo und weshalb, deshalb zuerst
etwas dazu.
Zu Hause sind wir, wo das Haus steht, in dem unser Bett ist. Nicht irgendein
Bett. Sondern das Bett, das niemand sonst für sich beansprucht. Zu Hause
sind wir, wo das Bett steht, das niemand anders sein eigen nennt. Im Dorf
oder in der Stadt mit dem Haus und diesem meinem Bett? Im Kanton, zu dem
diese Stadt gehört? Oder im Land, zu dem der Kanton gehört mit dieser Stadt und meinem Haus mit meinem Bett?
Daheim bin ich dort, wo ich mich aufgehoben fühle. Dort, wo ich mich nicht
verloren vorkomme. Dort, wo ein Gespräch ebenso möglich ist wie Widerspruch. Dort, wo ich mit anderen zusammen etwas unternehmen, bewegen kann, auch kritisch verstanden werde; dort, wo ich Freunde habe, mit denen ich
gemeinsame Aufgaben angehen kann. Dort, wo ich nicht allein gelassen werde,
wenn ich in Not komme.
Ich kann mich durchaus zu Hause auch daheim fühlen. Doch manchmal fühle ich
mich zu Hause fremd und in der Fremde durchaus daheim.
Die Heimat wäre noch ein Drittes. Der Ort, den alle zu kennen glauben,
meinen, schon einmal gewesen zu sein, - an den sich doch die meisten aber
vor allem sehnen. Dorthin wo man zu Hause ist und erst noch daheim. Die
grosse politische Utopie. Die es für die meisten erst noch aufzubauen gilt.
Mitte Oktober war ich nicht zu Hause, als ich das Gefühl verlor, zu Hause
auch daheim zu sein. Ich hatte in Stockholm ein Telefon bekommen, dass ein
Kollege oder eine Kollegin das Protokoll einer parlamentarischen
Kommissionssitzung der welschen Sonntagszeitung weitergegeben habe, wo nun
zu lesen sei, wie schlecht der umtriebigste unserer fünf Bundesräte über die
Bewohner eines ganzen Kontinentes, des ärmsten dieser Welt, gesprochen
hatte.
Ob er denn wirklich so gesprochen habe, wurde ich gefragt, und was ich dazu
sage. Ich dachte sofort, wie ich reagieren müsste, wenn ich mich einfach und
billig herausreden wollte. «Das kann ich weder bestätigen noch dementieren»: so lautet die entsprechende Formel. Für die meisten heisst dies nichts. Für Insider bedeutet es, dass alles stimmt, man aber dazu nichts sagen möchte.
Darf man aber nichts sagen, wenn ein Privilegierter schlimm und herabsetzend
über andere gesprochen hat, die zum grössten Teil ohne eigenes Fehlverhalten
zu den Elendsten und Benachteiligsten dieser Welt gehören? Dieser Privilegierte erweckte den Eindruck, man könne und solle diese sogar in Zukunft noch mehr sich selber überlassen. Wäre ich dann nicht nur feige sondern auch noch
verantwortungslos? Dürfen die Ärmsten dieser Welt, die auch wegen uns immer
noch im Elend stecken, nicht etwas anderes erwarten von uns?
Ich wusste, dass ich nicht sagen darf, wer was gesagt hat. Und so kniff
ich nicht, sondern fasste meinen Eindruck von der bundesrätlichen Rede mit
eigenen Worten zusammen. Und gebrauchte dabei einen Ausdruck, der
schweizerdeutsch ausgedruckt, noch mehr als in der Schriftsprache die
Gesinnung auf den Punkt brachte, aus der heraus der Bundesrat gesprochen
hatte. Ein Bundesrat im Übrigen, dessen Partei seit 30 Jahren Andersdenkende
immer wieder mit Verunglimpfungen eindeckt, die mit deren Äusserungen wenig
bis gar nichts zu tun hatten.
Mittlerweile in Moskau angekommen, wo ich mich für mehr Demokratie
einzusetzen hatte, erkundigte sich auch noch das Radio telefonisch nach
meinen Eindrücken. Und im armenischen Eriwan schliesslich begann ich anhand der E-Mails in meinem Computer zu merken, welche Hasswelle ich zu Hause ausgelöst hatte, die nun über mich herabstürzte. Hinterhältigste Inszenierungen und eine perfide Kampagne wurden unterstellt, ebenso Majestätsbeleidigung, Lügen, Beleidigung. Nur einer fragte nach, wollte es genauer wissen, bevor er urteilte. Nur zwei gingen auf die Sache ein und wollten diskutieren, was denn am besten zu tun wäre.
Einigen unter jenen, die wenigstens mit ihrem Namen zu den Beschimpfungen
standen, antwortete ich. Es stellte sich dabei schnell heraus, dass sie sich
wehrten, weil sie den Eindruck hatten, andere sollten besser behandelt
werden als sie, die sich verloren und verlassen und ungerecht behandelt
fühlten von einer Schweiz, von der sie sich mehr Solidarität und
Unterstützung erhofft haben: Zu Hause und doch nicht daheim.
Ich flog und fuhr weiter. Bis an die Küste des pazifischen Ozeans, wo in den drei dort anstossenden US-Bundesstaaten Abstimmungen anstanden über 25 Volksinitiativen und Referenden. In Oregon, dem Staat, der in den USA das ist, was die Schweiz in Europa ausmacht, nämlich der Ort mit den meisten Volksabstimmungen, vertiefte ich mich in die Zeitungen und sprach mit den Nachbarn im Café. Artikel, Argumente, pro und contra, zuhauf und überall. Zu Hause fremd geworden, begann ich mich 12'000 Kilometer von zu Hause weg wieder daheim zu fühlen.
Andreas Gross
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