04.10.2001

1.-August-Rede 2005
von AG in Amriswil TG
Zusammenfassung

Die Monopolisten sehen auch
in Meinungen einen Markt


Danke für den Mut, einen Sozialdemokraten, und erst noch einen auswärtigen von weit her, einzuladen. Ich bin gerne gekommen.

Auch weil ich in letzter Zeit immer wieder mit Sozialdemokraten aus dem Thurgau zusammengearbeitet habe und weil Jost Gross ein guter Freund von mir im NR war.

Viele sagen in diesen Tagen, am 1. August hätte die Folklore den Anlass besiegt. Vor lauter Fest kein Inhalt mehr.

Ich bin anderer Meinung. Selbstverständlich sollten wir uns jeden Tag um die Schweiz und unsere Landsleute kümmern. Doch nicht alle können jeden Tag politisch nachdenken.

Am 1. August sollten wir uns diese Freiheit aber nehmen, und deshalb haben wir auch frei bekommen. Und vor allem sollten wir wenigstens heute miteinander reden und diskutieren, was andere über die Schweiz denken und wie wir uns dennoch zusammenfinden können, um nicht nur darüber nachzudenken, sondern damit wir auch gemeinsam etwas tun können für die Landsleute in der Gemeinde, im Kanton und im ganzen Land.

Denn da liegt bereits eines der ganz grossen Probleme unserer Zeit. Wir alle wissen, wie man reich werden könnte. Wie wir Geld verdienen können. Viele haben aber vergessen, wie wir zusammen politisch handeln können. Wie wir das, was uns gemeinsam ist, mitgestalten können. Das kann keiner allein - obwohl einer alleine reich werden kann.

Ganz grosser Unterschied zwischen Politik und Wirtschaft. In der Politik kann einer allein nur verzweifeln. Wir müssen wieder besser lernen, zusammen zu handeln, auch dann, wenn wir in anderen Dingen nicht immer gleicher Meinung sind.

Dass man von verschiedener Seite bei uns zum gemeinsamen Handeln für das, was uns zusammen wichtig ist, kommen kann, Schweizerfahne gutes Symbol. Haben Sie auch schon gemerkt, was mir mein Sohn, der jetzt zwei Jahre lang die Schweiz von aussen betrachtet hat, vorgestern gesagt hat, die Schweizer Fahne könne man gar nicht verkehrt aufhängen. Von aussen sieht man eben manchmal mehr und klarer. Bei anderen muss Reihenfolge stimmen, von links nach rechts, von oben nach unten. In der Schweiz kann man von all diesen Seiten kommen und dennoch zur gleichen, gemeinsamen Mitte kommen.

Ein schönes Symbol für das, was die Demokratie ausmacht, die Vielfalt der Ideen, das Recht, anders zu sein, respektiert zu werden im Eigenen und Anderssein und dennoch zur Gemeinsamkeit finden zu können.

Das sind sich vielleicht mehr bewusst, aber nicht mehr viele handeln entsprechend. Es gibt zu viele Monopolisten, welche das Eigene zum einzig richtigen erklären und das andere ausschliessen wollen.

Beispielsweise Wirtschaftsmanager, die den Staat und die Gemeinschaft mit einem Unternehmen verwechseln und immer noch meinen, der Markt sei das einzig mögliche und richtige Ordnungssystem in allen Bereichen der Gesellschaft. Ein ganz grosser, verhängnisvoller Irrtum. Markt ist wichtig, aber blind, was Gerechtigkeit angeht, Rücksichtnahme auf Natur und Schwächere. Dafür braucht es Politik und deren Demokratie, die Sphäre, in der alle etwas zu sagen haben, nicht nur die mit viel Geld oder Eigentum. Markt und Demokratie brauchen einander gerade in ihrer Verschiedenheit, keiner kann dem anderen seine Eigenheiten aufzwingen, wenn nicht Wirtschaft oder die Gesellschaft Schaden erleiden soll.

Das ist das ganz grosse Problem unserer Zeit, dass die Balance zwischen Markt und Demokratie, zwischen Politik und Wirtschaft, zwischen Arbeit und Freiheit aus den Fugen geraten ist. In einer Demokratie sollte die Mehrheit das Recht haben, über die Gestaltung ihres Lebens mitzuwirken, dafür reichen die alten nationalen politischen Rechte und Instrumente aber schon lange nicht mehr aus:

Denn Freiheit heisst nicht einfach wählen zwischen Pepsi oder Coca Cola, sondern Freiheit heisst auch, miteinander die Wirtschaft so zu gestalten, dass alle Arbeit bekommen, die reichen wirklich steuern zahlen, Rücksicht genommen werden muss auf die Natur, auf die Schwächeren, auf die Armen. Das kann aber die Demokratie nicht mehr leisten, wenn der Markt global und die Demokratie immer noch bloss national gestaltet ist.

Deshalb brauchen wir Europa, ein demokratisch verfasstes Europa, das sich etwa so zusammenfindet und föderalistisch organisiert wie die schweizerischen Kantone dies seit einigen Jahrzehnten gelernt haben.

Ein Nein zu diesem Europa bedeutet kein Ja zur Demokratie, denn die Schweiz alleine kann so wenig die Demokratie, auch unsere, verteidigen, wie die Schweiz alleine ohne Handeln und dem Austausch von Waren, Gütern, Dienstleistungen und Personen die eigenen Bürger ernähren und zu Lohn bringen könnte.

Deshalb dürfen wir uns als Demokraten auch nicht freuen, wenn Europa heute in einer Verfassungskrise ist. Europas schlechte Verfassung macht unsere nicht besser, im Gegenteil. Wir können nur hoffen, dass es zu einem zweiten Anlauf kommt, zu einer besseren Verfassung Europas, zu der wir einiges beitragen könnten, was wir aber nur tun können, wenn wir uns auch zu diesem Europa bekennen und dabei sein wollen.

Damit mögen jetzt vielleicht nicht alle einverstanden sein. Das ist gar nicht nötig. Wichtig ist bloss, dass wir darüber nachdenken, über das, was auch der sagt, mit dem man nicht einig ist. Denn diese Vielfalt der Gedanken und unserer Ansicht macht unseren politischen Reichtum aus, denn wenn wir alle gleich wären, wäre keiner etwas, die Kreativität und der richtige Fortschritt kommen aus der Differenz, allerdings auch nur dann, wenn wir uns im gemeinsamen Nachdenken über diese Differenz, in der Diskussion, zusammen finden.

So wie eben die Schweizer Fahne nicht verkehrt aufgehängt werden kann, können wir von verschiedenen Seiten kommen und uns dennoch treffen, wobei die richtige Mitte in der Politik nicht so einfach zu finden ist - leider - wie auf der Fahne.

Bei diesem Nachdenken, bei diesen Diskussionen, bei diesem Zusammenfinden wünsche ich Euch viel Kraft, geduld und sanfte Hartnäckigkeit, nicht nur heute Abend, sondern jeden Tag.

Vielen Dank


Andreas Gross



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