23. Mai 2007

Michael Frayn
Demokratie

Wallstein
120 Seiten
CHF 25.70

Am 6. Mai 2004 kam im Renaissance-Theater zu Berlin der Zweiakter ‹Demokratie› zu seiner deutschen Uraufführung. Ein Theaterstück über die vier Kanzler-Jahre Willy Brandts? Jawohl: Von der Stunde der Wahl 69 über die grandiose Wiederwahl 73 bis hin zum kläglichen Rücktritt 74.

Durch starke Überzeichnung und Verkürzung der Handlung werden wichtige Figuren kenntlich gemacht: Der machthungrige Schmidt, der intrigante Wehner, der von allen betrogene Ehmke.

Aber eigentlich ist das Ganze ein Stück über Günter Guillaume, den DDR-Spion an der Seite Willy Brandts. Eine Art Psychogramm über einen, der von einem feindlichen Geheimdienst eingeschleust wird, um paradoxerweise den Regierungschef der gegnerischen Nation an der Macht zu halten. Und über den, doppeltes Paradoxon, ebendieser Staatschef stürzt, als auskommt, was alle schon längst wissen.

‹Demokratie› ist auch ein (Lehr-)Stück über den Zynismus der Mächtigen. Und über deren demokratisch legitimiertes undemokratisches Verhalten und Regieren. Zynismus? Ehmke verschafft Guillaume den Job an Brandts Seite. Es gibt ein Anstellungsgespräch. Ehmke: «... Sie haben eine klare Meinung zu diesen ganzen idealistischen jungen Menschen auf der Linken, die uns gerade an die Macht gebracht haben. Ich nehme an, Sie bezeichnen sie als ...» Guillaume: «Na ja ...» Ehmke: «Arschlöcher?» Guillaume: «Arschlöcher.» Ehmke: «Genau. Sie haben den Job.»

Verachtung der Demokratie? Für die anstehende Vertrauensfrage im Bundestag wird Willy Brandt die Mehrheit verfehlen. Die Folge wäre der Sturz seiner Regierung. Guillaume: «Du hast doch gesagt, ich soll meine politische Intelligenz einsetzen. Mein psychologisches Verständnis. Das kann ich mit einem Wort tun.» Schmidt: «Geld?» Guillaume: «Geld.» Schmidt: «Man müsste nur zwei oder drei von denen bezahlen, sich der Stimme zu enthalten.» Guillaume: «250 von ihnen stehen zur Auswahl.»

Michael Frayn ist ein Stück gelungen, das die Zeit Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre (und deren Geister) wieder auferstehen lässt. Es führt drastisch vor Augen, dass unverbrüchliche Konstellationen und Koalitionen, bleierne Zeitumstände, ewig lastende Geschichte etc. eben nur scheinbar unverbrüchlich, bleiern und ewig lastend sind. Und zwar aus der Sicht von damals - Brandt gelangen die Ostverträge und der Aufbau grossen Vertrauens - wie auch aus der Sicht von heute: Die meisten Protagonisten des Stücks sind tot. Die DDR und die Sowjetunion existieren nicht mehr. Und der - scheinbar - auf ewig verhinderte Minister Genscher war, leider, über zwei Jahrzehnte Aussenminister.

Fredi Krebs



Nach oben

Zurück zur Übersicht