23. Mai 2007

Erich Mühsam
Sich fügen heisst lügen

Steidl-Verlag
2 Bände im Schuber 272 und 216 Seiten
CHF 75.20

«Es ging fast alles ohne Blutvergiessen ab und war zuerst sehr schön.» Es war Revolution in Deutschland, und die melancholisch anmutende Zusammenfassung der Ereignisse schrieb in einem Brief vom 1. Dezember 1918 Erich Mühsam: «... ich war am 7. November nachmittags gegen ¾6 der erste Mensch Deutschlands, der öffentlich die Absetzung der Dynastien und die Errichtung einer freien bayrischen Räterepublik proklamierte.» Eisner, so schrieb er weiter, «proklamierte um ½12 Uhr nachts dasselbe, was ich 6 Stunden früher proklamiert hatte.«

Doch der schöne Traum der Politintellektuellen, die in Bayern die Räterepublik proben wollten, war kurz. Nun ging es nicht mehr ohne Blutvergiessen ab, und schön war es längst nicht mehr. Mit grausam-brutaler Konsequenz zerstörte die konservative Gegenmacht die Revolution. Eisner ermordet, ebenso Landauer, Eugen Leviné standrechtlich erschossen, Mühsam in Festungshaft.

Nach der Haftentlassung 1924 verliess er München und ging nach Berlin. Doch schien seine Zeit vorbei: Seine Bohème-Attitüde wirkte auf die Zeitgenossen altbacken, man wunderte sich über den fleissigen Sonderling, dessen politisches Programm der anarchischen Revolution ihn innerhalb der etablierten Linken zum Aussenseiter gemacht hatte. Die Nazis dagegen hatten den unkonventionellen Querdenker und Geschichtsschreiber der Anarchisten und Heruasgeber wichtiger Zeitschriften immer auf ihren schwarzen Listen. Es fehlte nur noch ein Anlass, um seiner habhaft zu werden. Im Februar 1933, unmittelbar nach dem Reichstagsbrand, wurde Müühsam verhaftet. Am 9./10. Juli 1934 wurde er im Konzentrationslager Oranienburg ermordet.

Im Frühjahr/Sommer 2005 gab es - endlich - eine Ausstellung über den Anarchisten Erich Mühsam auch in seiner Heimatstadt Lübeck. Und besonders hübsch dabei: Die Ausstellung wurde im Inbegriff bürgerlichen Lebens, im Buddenbroock-Haus gezeigt.

Aus der Ausstellung sind zwei beachtenswerte Begleitbände entstanden. Der erste Band («Ein Lesebuch») stellt wichtige Texte aus verschiedenen Lebensabschnitten Erich Mühsams zusammen. Zur Jugendzeit gibt’s zum Beispiel einen Tagebucheintrag aus Château-d’Oex, in dem bitter geklagt wird, dass ihm von seinen Eltern verboten worden sei, Bücher zu lesen. - Natürlich fehlen auch nicht seine Gedichte wie «Der Revoluzzer», in dem die Sozialdemokratie ihr Fett abbekommt. Bis und mit den Auszügen aus seinem Spätwerk und Vermächtnis entsteht auf knapp 300 Seiten so etwas wie ein ‹The best of› (verzeih’ mir, Erich). Eine gut ausgewählte Anthologie zum schriftstellerischen Schaffen Erich Mühsams.

Der zweite Band («Leben und Werk in Texten und Bildern») dokumentiert die Ausstellung in Lübeck. Nebst Bekanntem doch auch einiges Neues. In diesem Teil präsentieren sich vor allem ganz stark die Karikaturen. Traurig natürlich die letzten Zeugnisse von Verhören und Urteilen, die Berichte von Folter und die Texte, die die Ausweglosigkeit und die Vorahnung des bevorstehenden Umgebrachtwerdens dokumentieren.

Herzzerreissend dann der letzte Brief an Zenzl, seine Partnerin Crescenzia. Und zum Schluss noch, eiskalt, die Effektenliste der Erich Mühsam im Konzentrationslager Oranienburg abgenommenen Gegenstände und die Sterbeurkunde. Gestreift wird noch das weitere Schicksal von Zenzl Mühsam nach 1934 bis zu ihrem Tod 1962.

Leider fehlen Angaben zur Wirkungsgeschichte Erich Mühsams. Die sieben zwischen 1972 und 2002 entstandenen Bilder von Künsterlnnen wie Süverkrüp und Liebold können’s ja nun wirklich nicht gewesen sein ...

Fredi Krebs



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