22. Mai 2007

Franzobel
Linz

Janus Press
ca. CHF 35.00 (antiquarisch)

Der Marketing-Geniestreich gerät zum Horror: Ein vom Salzburger Musikverein genetisch wiedererweckter Mozart will partout keine Musik machen und flüchtet. Er kommt aber nur bis Linz, wo er sich als Frauenmörder entpuppt. Kennt man diesen Story-Plot zum Voraus, wird das Werk leichter verständlich. Insgesamt ergibt sich hier ein beklemmendes Bild der österreichischen Seele, die Schönheit eben doch nur in der Musik erträgt. Das Büchlein wäre eine Prophylaxe, eine wirkungsvolle Schutzimpfung vor der grassierenden 250-Jahre-Mozart-Seuche (in Salzburg gibt's sogar ein Mozart-Yoghurt), leider ist es nur mehr antiquarisch erhältlich oder als Teil der nachstehend besprochenen 'Mozart-Vision'.

Fredi Krebs



Franzobel
Mozarts Vision. Stück, Materialien, Collagen

Passagen Literatur
CHF 41.10

Franzobels ‹Mozarts Vision.› ist eine kleine Textsammlung, deren Kern das Theaterstück ‹Mozarts Vision oder das totale Theater› bildet; um das Stück sind Materialien und sogenannte Collagen gruppiert, so auch die Erzählung ‹Linz› (s. obige Besprechung). Insgesamt eine amüsante und abwechslungsreiche Lektüre. Mozart ist vielleicht der österreichische Mythos, ein immer noch alles durchdringendes Kunst-Gespenst. Ein (meinetwegen) unverstandenes Genie, für den der Schönheit seiner eigenen Kompositionen nur mit derber Fäkalsprache zu begegnen ist.

Auf den ersten Blick scheint es, als ob man schon wieder in eine der alten Debatten über die österreichische Identität geraten sei. Die Mittel, auf die Franzobel zurückgreift, sind klassisch - Sprache und Mythos. Einerseits handelt es sich um die Sprache als Trägerin einer österreichischen Identität, andererseits geht es um die Tendenz, prominente Österreicher zu Identitätsvertretern des Landes zu machen. Diesmal ist die Rede nicht vom Habsburgischen Mythos, sondern von Mozart. Und es geht letzten Endes auch um das Verhältnis der Österreicher zu ihrer Identität. Franzobel ironisiert dies besonders im Abschnitt «Österreich ist schön oder über Identität und Sprache». Hier stellt er das Deutsche und das Österreichische gegenüber, beklagt den Verlust der österreichischen Sprache und verschärft schliesslich den Diskurs rund um die Identität anhand des Gedichtes «Österreich ist schön», das bloss die ständige Wiederholung des Satzes «Österreich ist schön» ist.

Ähnliche Aspekte zeigt das Plädoyer am Anfang des Buches. Darin verteidigt der Autor eine sportfreie Zone, die in Wien das mythische Wiener Kaffeehaus ist - eine sehr originelle Art über das Kaffeehaus zu berichten, das Franzobel quasi als unverändertes, stressfreies Überbleibsel hochhält. Franzobel präsentiert und collagiert auf amüsante Weise, beispielsweise durch die vehemente Hervorhebung der Vermarktung Mozarts und die Anspielungen auf Mozartkugeln oder sein Geburtshaus.

Die Opposition Wien/Provinz ist ein weiterer wichtiger Aspekt, den Franzobel aufgreift. So erzählt Mozart am Anfang des Theaterstückes seine Vision: «Ich will nicht untergehen. Karriere will ich machen. Eine Kunstratte will ich werden. Euch steht ja das Wasser der Provinzialität schon bis zum Hals. Ich aber habe eine Vision, ich sehe mich in Wien.» Auch dieser Aspekt kommt in der Wien-Literatur, beispielsweise bei Thomas Bernhard und Ingeborg Bachmann, immer wieder vor.

Im letzten Beitrag des Buches berührt Franzobel das Thema Freiheit der Kunst und Staat: «Wenn alle Brünnlein fliessen» trägt den Untertitel «Anmerkung zur Salzburger Provinz-Pimperl-Posse um eine Gelatine-Skulptur bei den Salzburger Festspielen»: «Wien ist anders, Linz lebt auf, Graz ist Kulturhauptstadt, aber Salzburg ist Paradies. Doch jedes Paradies braucht seine Schlange. Nur ist die Schlange hier keineswegs das Plastilin-Zumpferl, ... Das Vergiftete an solchen Debatten nämlich ist, dass es nur noch pro und contra gibt, ..., Brunzer oder Bücherverbrenner - und sofort ist man in der Schlangengrube der Parteinahme, die alle Nuancierung tot beisst.»

ac/Fredi Krebs

   

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