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31. Dez. 2006
Sonntagszeitung
Zürich
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Mitverantwortlich für die Arenisierung der Schweizer Politik
Andi Gross zum 20. Geburtstag der Sonntagszeitung
Am guten Willen und vielen Vorschusslorbeeren hat es meinerseits vor 20 Jahren nicht gefehlt. Ganz im Gegenteil. Ich war dankbar für eine Alternative zum Boulevard. Auch am Sonntag. Und ich liebte und liebe die angelsächsischen Sonntagszeitungen dies- und jenseits des Atlantiks. Sie sind zwar auch ungeheuer dick und schwer und enthalten viel Reklame, die gleich entsorgt werden muss. Doch sie bergen auch enorm viel politische Substanz, analytische Tiefe und intellektuelle Umsicht. Sie bieten die beste Ausgabe der Woche ihrer Verlagshäuser.
Bei uns ist es leider anders. Das Volumen des Papiers, das man sich mit der Sonntagszeitung (SoZ) einkauft, ist zwar gross – aber umgekehrt proportional zum Gehalt. Es dominieren der Zoff, der Streit und die Aburteilung von Personen, der Schein, die Oberfläche. Viel Kurzfutter, viel Lärm, manchmal wortreich und laut gewiss; doch man darf es schnell wieder vergessen. Der Hunger bleibt.
Selten sehne ich mich so sehr nach einem guten Buch wie nach dem Lesen dessen, was beim sonntäglichen Durchblättern der SoZ lesenswert erscheint. Nie erinnere ich mich mehr an das Diktum eines der profiliertesten Medienkritikers der Schweiz, Jürg Frischknecht, der schon vor der Existenz der Sonntagszeitung gezeigt hat, dass Zeitungen primär ein Geschäft und deshalb die Rückseite der Werbung so abgefüllt werden muss, dass diese optimal verkauft werden kann. Orientierung, Einsichten, Nachdenken – so was stört bloss den Umsatz.
Oder ist es nur Zufall, dass in den vergangenen 20 Jahren zwar auch in der Schweiz am Sonntag noch nie so viele Zeitungen verkauft werden konnten, der Anteil jener Schweizerinnen und Schweizer, die sich desorientiert und heimatlos fühlen in der gleichen Zeitspanne aber merklich zugenommen hat?
Selbstverständlich, es gibt eine Ausnahme, sogar in der SoZ. Weil im Fussball die gleichen am Werk sind wie im Tages-Anzeiger stelle ich mir oft die Frage: Würde in der Innenpolitik mit der gleichen kritischen Zuneigung und Liebe zur Sache nachgefragt, aufgeklärt, erläutert und vertieft würde wie bezüglich des FCZ, von GC, Bayern oder dem FC Barcelona, würde dann vielleicht nicht nur die Orientierungslosigkeit vieler Menschen sinken sondern könnte so die Stimm- und Wahlbeteiligung der Bürgerinnen und Bürger
vielleicht sogar wieder steigen?
Gewiss, die SoZ ist nicht allein und allein schuld an der Banalisierung des Politischen, an der Verkümmerung der schweizerischen Öffentlichkeit, vor allem über das Wochenende. So ist die unselige TV-Arena nur wenig jünger. Vor allem entspringt sie der gleichen Priorität: Alles für das Geschäft,
sprich Marktanteil. Es kann nicht lärmig, billig, oberflächlich, polarisiert und schal genug sein. Wenn das die Politik ist, höre ich vor allem von Jüngeren immer wieder, dann wollen sie damit nichts zu tun haben. Wenn sie erst wüssten wie diese TV- und sonntagsblättlich gestützte «Arenisierung» der Schweizer Politik sich auf die Bundeshausinsassen und ihr Umfeld auswirkt. Der Weltmarkt erscheint vergleichsweise beinahe zivil; manche und oft sind es die Feinen, Reflexiven, Sensiblen ziehen sich zurück. Die Haifische bleiben unter sich. Zur Freude der Arener und zum Schaden des Volkes.
Am TV lässt sich wenigsten ab- oder umschalten. Ein Abonnement der Sonntagsausgabe der New York – oder Los Angeles Times ist ungleich teurer. Da bleibt nur noch das Buch – oder die Hoffnung, dass Mehr vom Gleichen einmal auch den Markt erschöpft und die wirkliche Alternative sogar lukrativ wird.
Andreas Gross
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