16.04.2001

Bund, Bern
Meine Schweiz
Kolumne, Seite 2

Zur Welthaltigkeit der Schweiz

«Meine» Schweiz ist die Welt. Denn (fast) überall auf der Welt findet sich das, wofür für mich die Schweiz steht. Menschen mit bestimmten Werten und Projekten, die mit anderen Menschen das verwirklichen, was heute an besseren Alternativen - für alle, nicht bloss für sie - möglich ist. Menschen, die wissen, dass sie zusammen erreichen können, was keinem alleine gelingen kann.

Und «meine» Welt findet sich auch in der Schweiz. Fast überall. Wir müssen nur genauer hinschauen. Und vielleicht rund um den Vierwaldstättersee (noch) etwas länger suchen als im Jura, in Basel und Zürich. Denn vergessen wir nicht: Die Welt könnte ohne die Schweiz gut leben; doch ohne die Welt gäbe es keine Schweiz. Heute scheint dies vielen Schweizerinnen und Schweizern aus dem Blickfeld geraten zu sein. Sie sollten sich erinnern, dass die radikalsten unter den Begründern der modernen Schweiz von 1848 einen Anfang machen wollten für Europa und die Welt - und nicht für eine Insel der Seligen in einem garstigen Meer.

Wenn Ihnen die Schweiz, «Ihre» Schweiz, lieb ist, dann müssen Sie den Blick heben. Hinausgehen, sich umschauen, diskutieren. Sie werden finden, was Sie suchen. Und dann auch das Eigene besser erkennen. Denn das Eigene erschliesst sich nur aus dem Vergleich. Wer nur sich selber kennt, kennt eigentlich auch sich selber nicht. Was zuhause gelang und wert wäre, auch anderswo - in Europa, in der Welt - gebaut oder gestärkt zu werden, das kann nur der merken, der auch die anderen gut kennt.

So lässt sich auch in der Schweiz finden, was gut wäre für eine in Zukunft weniger ungerechte Welt, weil wir an vielen Orten der Welt Menschen gefunden haben, die solches ebenso anstreben: Beispielsweise politische Rechte, die jeden zwingen, jeden zu fragen, bevor er glaubt, entscheiden zu können. Eine Kultur, die Betroffene zu Mitentscheidenden macht. Ein Politikverständnis, das anderen (Unbekannten) nicht weniger zutraut als sich selber. Dafür braucht es nicht nur Bewegung, sondern auch Institutionen, die dies ermöglichen, erzwingen.

Wer die Schweiz sehr gut kennt, den vermag dies nicht zu erstaunen. Denn er ist sich bewusst, dass es diese Schweiz nur gibt, weil sie vor 200 Jahren fünfzig Jahre lang vom Besten in sich aufnahm und «aufhob», was die Welt damals an demokratischen Ideen schuf: Vor allem aus dem revolutionären Frankreich, den jungen Vereinigten Staaten und den aus Deutschland geflüchteten Demokraten. Was uns wieder an den Anfang dieser Überlegung zurückführt: «Meine» Schweiz, auch die Ihre, gäbe es ohne die Welt gar nicht.

Übrigens: Ich habe mir bereits einen Expo-Jahrespass besorgt und werde auch dort nach der Welt in der Schweiz suchen und fragen, ob die Expo-Macher in der Schweiz die Welt gefunden haben.

Zum Schluss noch eine Frage an Sie: Haben Sie sich schon überlegt, weshalb an der Uno-Abstimmung doppelt so viele Schweizerinnen und Schweizer teilgenommen haben wie Bernerinnen und Berner an den Berner Regierungs- und Grossratswahlen? Ist die Uno etwa «schweizhaltiger», als wir dachten; oder: Weshalb hat der Kanton Bern so viel «Schweiz» verloren?

Andreas Gross

 

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