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12. Mai 2005
Weltwoche
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Jost Gross (1946 2005)
Nachruf
Die beiden Papierstösse auf seinem Parlamentspültchen gehörten zu den höchsten 30 Zentimeter der linke, 25 Zentimeter der rechte. Unnachahmlich, wie er mit dem linken Ellbogen auf dem linken Stoss sich leicht abstützen, den Kopf schräg geneigt, das Gesicht in einem Abstand von etwa zehn Zentimeter dem rechten Stoss zugewandt, das oberste Blatt mit einem Stift weiter bearbeiten konnte. Mitten im Lärm, hoch konzentriert, akribisch, ruhig, ein nächstes Votum aufsetzend, ein Kapitel einer juristischen Abhandlung schreibend oder die kommende Vorlesung an der Uni St. Gallen. In der Gesundheitspolitik, im Sozialversicherungsrecht oder wenn es um die Grundrechte ging, konnte der Rechtsanwalt auch aus dem Stegreif argumentieren. Doch fast immer stützte er sich auf das, was er zuvor auf dem rechten Papierberg vorgezeichnet hatte.
Ganz aus sich heraus kam Jost Gross erst auf dem Tennis- und dem Fussballplatz. Dem FC Nationalrat wurde er zu einem bulligen Mittelstürmer, Typ Uwe Seeler: Etwas untersetzt, Kopf eingezogen, Schultern fast auf Ohrenhöhe, kräftig, etwas vornüber gebeugt, jederzeit bereit zum Torschuss aus 20 Metern. Und wie er sich ärgern konnte, wenn der Ball nicht machte, was er von ihm erwartet hatte!
Patienten und Patientinnen haben mit ihm ihren politischen und rechtskundigen Anwalt verloren, die Behinderten ihren engagiertesten parlamentarischen Fürsprecher und die Thurgauer einen originellen Sozialdemokraten. Jost Gross verstarb vorigen Freitag während eines Fussballspiels im Schwäbischen dort, wohin er am Untersee jahrzehntelang hinüber geblickt hat.
Andreas Gross
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