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08.12.2003
Walliser Bote
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Das grosse Walliser-Bote-Interview vor den Bundesratswahlen:
Nationalrat Andreas Gross spricht Klartext zur Schweiz und Europa
Mit dem Zürcher Nationalrat Andi Gross, der 1952 in Japan geboren wurde, ein paar Gedanken auszutauschen ist allemal ein Genuss und eine Freude zugleich. Er hält mit seiner Meinung nie hinter dem Berg. Auch dann nicht, wenn er sich über Bundesräte, mögliche Kandidaten für dieses hohe Amt wie auch über seine früheren Mitstreiter, wie etwa Peter Bodenmann, äussert. Andi Gross ist ein leidenschaftlicher Schweizer und leistet seine Pflicht als Mitglied des Nationalrates mit Engagement. Andi Gross fühlt sich aber vor allem als Weltbürger, als Teil der Weltstaaten-gemeinschaft. Für diese Weltgemeinschaft will er auch Verantwortung mittragen und fordert die Schweiz und ihre Mitbürgerinnen und Mitbürger stets und immer wieder dazu auf, dies mit ihm zu tun. Es versteht sich darum, dass sich ein Gespräch mit Andy Gross, auch wenn es in der Wandelhalle und anschliessend im Fédérale geführt wird, nicht nur auf Themen der Schweiz beschränkt. Ihm geht es vor allem um eine Schweiz, die zu Europa und zur Welt gehört.
Nationalrat Andreas Gross gehört zu den profiliertesten Politikern der Schweiz. Er wirkt nebst seinem grossen politischen Engagement im Nationalrat vor allem auch als einflussreiches Mitglied im Europarat zu Strassburg, im Parlament der Parlamente von 45 europäischen Staaten. Als Dozent ist Gross zudem auch an verschiedenen Universitäten des In- und Auslandes tätig. Gross ist ferner Verfasser und Mitherausgeber verschiedener Publikationen zu Friedensfragen, Fragen der Direkten Demokratie, der europäischen Integration und der europäischen Verfassungs-Bewegung. Von ihm erscheinen auch regelmässig Beiträge in Weltwoche, NZZ, Tagesanzeiger usw. R.W.
Interview: Roman Weissen
Walliser Bote: Eine einleitende gundsätzliche Frage: Braucht die Schweiz ein Berufsparlament?
Obwohl die Antwort so blutt zum Einstieg natürlich Anstoss erregen wird, muss ich klar und deutlich sagen: Ja, die Schweiz braucht ein Parlament, in dem die Mitglieder für ihre grosse Arbeit genügend Zeit haben und diese können sie nur dann haben, wenn sie dafür auch anständig bezahlt werden. Heute haben viele kaum Gelegenheit und Zeit über die Papierstösse und den Tag hinaus zu denken, sich in grundsätzliche Alternativen zu vertiefen. Das ist schade und schadet langfristig auch der Schweiz und der Qualität ihrer Politik.
Wir müssen ja nicht gleich so gut bezahlt werden wie die Italiener und die Deutschen, die über 15'000 verdienen. Etwa die Hälfte tut es auch. Heute ist die Mehrheit der KollegInnen Vollprofi, doch sie sind dies verdeckt: Entweder lassen sie sich von einer Interessengruppe anstellen und entlöhnen, sie haben einfach Vermögen oder bekommen zu wenig.
Es gehört zu den grossen falschen Mythen der Schweizer Politik zu glauben, in einer starken Direkten Demokratie brauche es kein starkes Parlament. Ganz im Gegenteil, die Qualität der Direkten Demokratie würde nur profitieren, wenn die Parlamentarier stärker, eigenständiger und weniger von Verbänden und Interessengruppen abhängig würden. Zudem wird die Direkte Demokratie immer dafür sorgen, dass die Parlamentarier auch als echte Profis nicht abheben, den Bodenkontakt behalten und immer wieder mit dem Alltag, seinen Nöten und den Sorgen der Bürgerinnen und Bürger konfrontiert werden.
Herr Nationalrat Andreas Gross, seit 12 Jahren sitzen Sie als Volksvertreter im Nationalrat. Was für ein Volk, welche Bewohner unseres Landes vertreten Sie in der grossen Kammer?
Ich bin ein echter Transnationaler oder Interschweizer: In Baselland und Baselstadt aufgewachsen, die Sommerferien immer wieder in Eisten ob Blatten im Lötschental verbracht mit vielen Abstechern ins Briger Bad und nach Domodossola und an den Ortasee; in Zürich Geschichte studiert, in Lausanne Politikwissenschaften, in Lausanne und Bern als Assistent gearbeitet, ebenso in Basel, in Zürich politisch sozialisiert und in den Gremien der SP gross geworden, ebenso dort im Gemeindeparlament gewesen, rund um die erste GSoA-Initiative in der ganzen Schweiz Unterschriften gesammelt und viele Hundert öffentliche Diskussionen im ganzen Land; seit 12 Jahren die halbe Zeit in Bern, seit sechs Jahren mein direktdemokratisches Atelier mit den vielen Tausend Büchern in einem ganz alten Haus am Doubs in St-Ursanne und seit Januar 1995 im Rahmen des Europarates fast zur Hälfte der Tage und Nächte jenseits der Schweizer Grenzen aktiv, am vergangenen Nikolaus-Wochenende beispielsweise als Wahlbeobachter in Ufa im russischen Sibirien: Ich bin froh und dankbar, dass sich der Kanton Zürich und die SP Zürich einen Politiker leistet, dessen Horizont über die kantonalen und eidgenössischen Grenzen hinausreicht.
Ich versuche in Bern und in Strassburg die aufmüpfigen Demokratinnen und Demokraten diesseits und jenseits der Schweizer Grenzen zu vertreten. Jene, welche gegen die Entmachtung der Politik gegenüber der Wirtschaft kämpfen und damit dazu beitragen, dass die Freiheit nicht zu einem Privileg von Privilegierten wird, die über Kapital und wirtschaftliche Macht verfügen. Eine solche Restauration der Demokratie und Stärkung der Direkten Demokratie kann heute nur noch als europäische Aufgabe begriffen und angegangen werden.
Können Sie sich bei der neuen Zusammensetzung dieses hohen Rates Ihre Ziele noch erreichen?
Ein Mensch kann sich die Welt nicht aussuchen, in die er geboren wird; so muss auch ein Parlamentarier mit dem Parlament arbeiten, das die Bürgerinnen und Bürger dieses Landes gewählt haben.
Zweitens - und das haben alle angesichts der SVP-Inszenierung vom Sonntagabend des 19. Oktobers vergessen - der Nationalrat und die Bundesversammlung haben sich insgesamt leicht nach links verschoben. Die SVP hat weniger Sitze gewonnen als FDP, CVP und die Liberalen insgesamt verloren haben. Doch die Polarisierung ist stärker geworden, die beiden Pole sind stärker, die Mitte schwächer und so wird es nicht unbedingt einfacher sein Mehrheiten zu gewinnen.
Doch es wird uns auch in den kommenden Jahren ab und zu wieder gelingen wie in der letzten Legislatur; damals war ich zum Beispiel stolz darauf, dass es uns nach einer schönen vierjährigen feinen Arbeit in der Subkommission und mit der fast einstimmigen Staatspolitischen Kommission, das heisst inklusive unseren alten Walliser FDP-Kollegen Antille und einigen SVPlern, einen neuen Medien-Artikel für die Bundesverfassung zu erarbeiten und im Rat dafür eine Mehrheit zu finden, die beispielsweise auch dem Walliser-Boten selbst dann eine Zukunft sichert, wenn er am Markt einmal Probleme haben sollte.
Der neu gewählte Nationalrat ist aber in praktisch zwei gleich starke Lager geteilt: Mitte-Links und Mittte-Rechts. Ist mit einer verstärkten Polarisierung zu rechnen?
Gewiss; doch es gibt auch einige welsche und Tessiner Freisinnige und beispielsweise meinen Aargauer SVP-Freund Ueli Siegrist, mit denen man auch zusammenarbeiten und Mehrheiten erarbeiten kann. Wichtig ist mir aber, dass wir auf der Mitte-Links-Seite auch programmatisch auf einigen uns wesentlich scheinenden Punkten - Sanierung der Sozialversicherungen ohne Vernachlässigung der Benachteiligten, Sanierung der Bundesfinanzen ohne Vernachlässigung der wichtigsten Staatsaufgaben, Europäisierung der Schweiz, u.a.m. - uns einigen und so in vier Jahren erfolgreich dem SVP-Landsturm standhalten können.
Aber am Eröffnungstag sah alles so friedlich aus. War das Novum der gemeinsam gesungenen Landeshymne eine Referenz an mehr Patriotismus oder gar mehr Nationalismus?
Ich habe mich zwar aus Respekt vor den Bürgerinnen und Bürgern dieses Landes wie immer bei einer Hymne irgend eines Landes erhoben, doch mitgesungen habe ich wie Chapuisat vor den Fussballmatchs nicht. Mir geht es bei der Hymne so wie bei der "Internationalen": Die Melodie ist ganz schön, doch der Text ist schrecklich und kriegerisch und sollte längst erneuert werden. Gegen einen demokratischen Patriotismus habe ich im übrigen nichts; die Grenze zum zu bekämpfenden Nationalismus besteht genau dort, wo die Zuneigung zum eigenen Land zur Ablehnung anderer Länder führt, was zu unzähligen Kriegen mit Millionen von Toten geführt hat in der Geschichte.
Laufen wir nicht Gefahr, dass die "classe politique" sich in Zukunft noch vermehrt dem Alleingang verpflichtet fühlt?
Es gibt kein anderes Land auf der Welt, in dem die Distanz zwischen Bürgerinnen und Bürgern und den Politikerinnen und Politikern so kurz ist. Das hat weniger mit der Eigenheiten der Menschen hierzulande zu tun als mit der Direkten Demokratie, die alle zu vergleichsweise ausserordentlich zahlreichen und intensiven Kontakten zwingt: Wir müssen jede Woche an unzählige Versammlungen und Veranstaltungen, in denen nicht nur geredet, sondern vor allem diskutiert wird, und zwar nicht nur vor Volksabstimmungen sondern auch zwischenhinein. Denn in der Schweiz kann Ihnen nur dann etwas gelingen, wenn Sie mindestens die Mehrheit davon überzeugen können. In der Schweiz kann niemand befehlen, sondern nur überzeugen. Das reduziert die Distanz, weshalb auch der Begriff "classe politique" in der Schweiz nur als polemischer Kampfbegriff jener aufkam, welche das Parlament, die Regierung und die Kollegen Politiker diskreditieren wollte.
Doch wer nur sich selber sieht, kennt eben nicht einmal sich selber. Seine eigenen Stärken und Schwächen kennt man nur, wenn man auch andere sehr gut kennt und wenn man vergleichen kann: Dann wird einem beispielsweise die geringere Distanz zwischen Politik und BürgerInnen im Vergleich beispielsweise auch zu allen unseren Nachbarstaaten sehr bewusst.
Was sind die grössten Herausforderungen des neuen Parlaments für die kommenden vier Jahre?
Es muss uns gelingen, aus der gegenwärtigen Griesgrämigkeit, der Morosität, herauszukommen, in der alle auf die meisten zu schimpfen scheinen und jeder jedem selbst das Zahnweh zu missgönnen scheint. Dies hat mit der schlechten wirtschaftlichen Lage zu tun, mit den Existenzängsten die Viele haben, vor allem jene, denen es eh nicht besonders gut geht, aber auch mit der kalten Engherzigkeit jener, denen es gar nicht schlecht geht. Diese entziehen beispielsweise dem Staat die Steuern, die er braucht, um das wirtschaftliche Wachstum anzukurbeln und auch jenen zu helfen, denen es wirklich schlecht geht. So fehlen Bund und Kantonen dadurch die Mittel zu wichtigen Investitionen in die Bildung, in die Umwelt und in den sozialen Zusammenhalt der Gesellschaft, was wiederum die graue Griesgrämigkeit und die allgemeine Verunsicherung verschärft.
Nebst den von Ihnen angetönten Problemspektren könnte doch auch die Frage der verfassungsmässigen Verankerung des Bankkundengeheimnisses ein Thema sein. Der Wohlstand unseres Landes steht doch auch in direktem Zusammenhang mit dem Finanzplatz Schweiz und seinen Banken. Oder ist das sogenannte Bankgeheimnis gar ein Relikt der Vergangenheit?
Die Verankerung des Bankgeheimnisses in der Verfassung ist eines dieser grossen Ablenkungsmanöver, mit denen zu vielen Menschen zu viel Sand in die Augen gestreut wird: Es würde gar nichts zum Guten verändert, was sogar die Banken selber sich zurückhalten lässt bei dieser Forderung. Es führte höchstens zur Sakrilisierung einer Einrichtung, welche symbolisiert, das die Schweiz sich um die Not und die Sorgen der anderen Länder und Menschen nicht kümmert. Denn das Bankgeheimnis schützt nur alle Steuerhinterzieher dieser Welt. Es hilft nur jenen, welche der Gemeinschaft nicht zugestehen wollen, was ihr zur Erfüllung ihrer Gemeinschaftsaufgaben zusteht.
Die Schweiz kann ihren Wohlstand langfristig nicht auf einem Fundament aufbauen, das weltweit Unrecht und Egoismus schützt und unterstützt. Das hat mit Nachhaltigkeit und staatsmännischen Weitblick wenig, mit kaltem Egoismus und der Arroganz der Reichen und Privilegierten aber sehr viel zu tun. Doch wir werden darüber noch abstimmen und somit lange streiten können. Über einen symbolischen Fehler oder eine fehlerhafte Symbolpolitik ...
Am Eröffnungstag hörten wir bereits die ersten visionären Reden. Jene des Alterspräsidenten Christoph Blocher ...?
... In der hatte es etwa so viel Visionäres wie in einer unterirdischen Autogarage ...
... und jene der jungen Nationalrätin Evi Allemann.
Sie hat den Alterspräsidenten in jeder Beziehung weit abgehängt und ihm gezeigt, wie und wo er es sich zu einfach und bequem gemacht hat. Es hat ihn auch sichtlich beschäftigt; doch derzeit macht er auf Anstand und gute Sitten und verkniff sich deshalb irgendwelche grummeligen Kommentare.
Zur Lösung dieser grossen Palette an Problemen steht auch die Landesregierung in der Pflicht. Taugt das bisherige Regierungssystem überhaupt noch? Oder sollte die Schweiz eine neue Regierungsform anstreben?
Die Performance des bisherigen Bundesrates war in den vergangenen vier Jahren gewiss kein Glanzstück. Doch was man weniger weiss: Das schweizerische Regierungssystem ist schon seit über sechs Jahren im Wandel: Die alte Konkordanz mit der alten Zauberformel von 1959, als die grössten Parteien im Verhältnis ihrer Grösse in den Bundesrat kamen - auch weil sie sich in etwa 90 % aller Fragen einig waren - gibt es etwa seit 1997 nicht mehr. Denn seither ist die grösste Partei zu ihrem grössten Teil (die Blocher-SVP) nicht im Bundesrat vertreten. Die SVP-Bundesräte Ogi und Schmid vertraten immer nur eine Minderheit der SVP, die liberalen Minderheiten in den SVP-Kantonalparteien Bern, Bünden und einige Vereinzelte.
Es geht heute also nicht um einen zweiten SVP-Sitz, sondern den Einzug der Blocher-SVP in den Bundesrat. Es sollen also Feuer und Wasser im Bundesrat zusammenkommen: Das gibt zwar viel heisse Luft, aber keine gute Regierung. Deshalb muss die Schweiz nun endlich lernen, sich zu entscheiden. Die ganze Gesellschaft muss in der Bundesversammlung repräsentiert werden. Die Bundesversammlung muss aber eine leistungskräftige und innovative Regierung wählen. Dies tut sie nicht, wenn sie weiter nach dem Prinzip der Sperrgutabfuhr wählt: Alles Grosse und Sperrige wird einfach abgeholt ...
Die Bundesversammlung muss bei der Bundesratswahl wirklich wählen: Soll der Schwerpunkt der Regierung in ihrer sozialen Verantwortung liegen oder beim Geld?
Alles geht nicht mehr mit allem zusammen, so blockieren sie sich nur.
Dieser Übergang ist wie gesagt schon im Gang und wird am 10.12. nicht nur nicht abgeschlossen sein, sondern noch weitergehen. Denn bisher hat sich der Bundesrat und die ihn wählende Mehrheit in der Bundesversammlung noch nicht auf programmatische Eckpunkte geeinigt; dies wird sie erst noch schaffen müssen.
Im übrigen möchte ich betonen, dass das, was ich hier skizziere, weder eine Abkehr ist von der Konkordanz - es ist immer noch eine sehr breite Regierung aus SP, CVP, FDP und der Berner SVP - und auch nicht im Widerspruch kommen wird zur Direkten Demokratie. Denn auch ein solcher Bundesrat der eingeschränkten Konkordanz wird einmal eine Volksabstimmung verlieren können und dann nachjustieren und mit einer neuen Vorlage wieder kommen.
Auf alle Fälle, die Erneuerungswahl des Bundesrates vom kommenden 10. Dezember wird als Schicksalswahl bezeichnet.
Mit Schicksal hat die Bundesratswahl nichts zu tun; das Schicksal der Schweiz liegt in den Händen aller, die in ihr und für sie arbeiten und möglicherweise auch noch in den Händen einer überirdischen Grösse. Die Bundesratwahlen sind etwas überaus Menschliches und es kommen darin auch alle Seiten der Menschen, ihre noblen wie ihre trüben zum Ausdruck. Bleiben wir auf dem Teppich und nehmen wir uns nicht zu wichtig.
Verträgt denn die Schweiz keine Politiker in der Regierung, die gelegentlich dem Staat und der herrschenden Mehrheit den Spiegel vorhalten?
Solche Politiker hätten wir auch in der Regierung mehr als nötig. Doch Blocher ist kein Spiegelhalter. Er ist ein Machtmensch, der glaubt, die Schweiz sei in einem Krieg und er müsse sie retten. Wer ihn an seinen Taten der vergangenen 25 Jahre misst, der weiss, dass er vor Andersdenkenden keinen Respekt hat, ebenso wenig vor den wichtigsten Institutionen der Demokratie wie dem Bundesrat und dem Parlament, und dass er auch eine Politik vertritt, welche die Menschenrechtskonvention und die Friedensleistung der EU wenig bis gar nicht respektiert. Dies ist mir entschieden zu verantwortungslos und zu gefährlich. Meine SVP-Europaratskollegin Lisbeth Fehr sagte mir in einem Interview, das ich für unser Buch "Eine andere Schweiz ist möglich: Über den Herbst hinaus" (Editions le Doubs) und das anfangs Januar inklusive Analyse zum 10.12. erscheinen wird, gesagt: «Wer Blocher traut, dem fehlt der Verstand!». Als einer, der sich seit 25 Jahren intensiv, auch in anderen Büchern und in Interviews, die Blocher sogar gefallen haben, mit Blocher sich beschäftigt hat, muss ich sagen, Frau Fehr hat recht und ich habe mich seit dem Wahlsonntagabend öffentlich dafür eingesetzt, dass Blocher nicht in den Bundesrat kommt und alles sieht so aus, dass er auch tatsächlich nicht rein kommen wird.
Sie haben behauptet, dass Blocher und SP im Bundesrat wie Feuer und Wasser sind. Immerhin, ein Bundesrat Christoph Blocher mit seiner Führungserfahrung in der Privatwirtschaft könnte doch bedeutende neue Impulse in das Regierungskollegium einbringen?
Ein ganz grosser Irrtum unserer ökonomistischen Zeit ist es, die Verschiedenheit der grundsätzlich unterschiedlichen Ordnungssysteme Wirtschaft und Politik / Arbeit und Freiheit / Markt und Demokratie völlig zu verkennen. In der Wirtschaft bestimmt der Kapitalstarke, in der Demokratie hat jeder und jede das gleiche Recht. In der Wirtschaft kann man alleine reich werden, in der Politik kann man alleine nur verzweifeln. In der Wirtschaft sollte ich nur investieren, wenn ich sicher bin, dass es sich lohnt, in der Politik muss ich auch handeln, wenn ich nicht weiss, ob ich mich durchsetzen kann.
Deshalb scheitern auch so viele Wirtschaftskapitäne in der Politik, weil sie demokratisch mit den Menschen nicht umgehen können. Der Bundesrat leidet eher an zu viel privatwirtschaftlichem Denken - denken Sie doch an Villiger, der ein typischer Unternehmer war und ist oder an die Frau Metzler, die aus einer neoliberalen Kaderschmiede kam und in der Politik auftrat wie eine Beraterin in einem sanierungsbedürftigen Grossunternehmen. Wir brauchen im Gegenteil mehr Bundesräte, die von der "cause commune" überzeugt sind und wissen, dass der Staat nicht wie ein Unternehmen regiert werden kann. Die Schweiz sollte den Fehler der Italiener mit Berlusconi nicht wiederholen.
Auch ein Konfrontationspolitiker im Bundesrat, wie Peter Bodenmann beispielsweise, würde doch mithelfen, unser Land aus der Lethargie herauszuführen?
Peter Bodenmann respektiert im Unterschied zu Blocher die Menschenrechtskonvention, die Gewaltenteilung und das Parlament. Im übrigen wollen wir aber keine Regierung von Führern, sondern aus sensiblen Menschen, die überzeugende Vorschläge ausarbeiten, die in Parlament und Volk Mehrheiten finden und so dazu beitragen, dass wir uns selber helfen und aus der Misere herauskommen können.
Ja dann, aus Ihrer Sicht der Dinge: Welche Chancen geben Sie einer zur Zeit durchaus möglichen Wahl von Nationalrat Blocher in den Bundesrat?
Ich bin je länger desto mehr davon überzeugt, dass Blocher am 10. Dezember nicht Bundesrat werden wird. Samuel Schmid wird wieder gewählt werden und Bundesrat bleiben; die Blocher-SVP wird ihm ihr Vertrauen entziehen und in die Opposition zurückkehren, wo sie seit Jahren war. Es hat sich zwar schon einiges geändert nach den Wahlen und diese Veränderungsprozesse werden weiter gehen. Doch nicht mit einem Blocher im Bundesrat. So einfach machen wir es uns glücklicherweise nicht.
Folglich ist dann immerhin davon auszugehen, dass Bundesrat Samuel Schmid als Vertreter der grössten Partei, derjenigen Bürgerinnen und Bürger, die sich nicht an den Wahlen und Abstimmungen beteiligen, im Bundesrat bleiben wird?
Genau, Samuel Schmid verkörpert die traditionelle schweizerische Mitte der bäuerlichen und gewerblichen Schweiz, die im Kanton Bern immer in der Regierung war. Er ist das, was man in Frankreich einen Gaullisten bezeichnet: Ein bürgerlicher Politiker mit einem Verantwortungsgefühl für alle im Volk, vor allem auch für jene, denen es schlecht geht. Er ist zwar kein Revoluzzer und auch nicht immer sehr aufmüpfig, doch er respektiert Andersdenkende und diskutiert sogar gerne mit ihnen. Das kann ich aus eigener Erfahrung während der vergangenen zehn Jahre sagen.
Und die Schweizerische Volkspartei wird bei den nächsten Wahlen erneut stark zulegen?
Das hängt ganz von der Qualität der Arbeit ab, die von der Mehrheit des neuen Bundesrates und der Bundesversammlung geleistet werden wird. Ich bin überzeugt, dass beide Mehrheiten gemerkt haben, dass sie sich steigern müssen. Das kann gelingen, wenn wir uns auf einige wichtige programmatische Ziele verständigen und diese ernsthaft angehen.
Wenn die Frage der Stellung der Schweiz in Europa und der Welt wieder ins Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit rücken wird, und dies wird früher oder später ganz sicher eintreten, dann wird sich zeigen, dass die SVP ganz unabhängig von Blocher ein Potential von gesamtschweizerisch etwa einem Drittel aller WählerInnen erreichen kann. Dies müssen wir uns bewusst sein und deshalb ganz besonders umsichtig, kommunikativ, demokratisch und solidarisch die Integration der Schweiz in Europa befördern.
Das Wallis hat faktisch zwei Bundesräte. Den amtierenden Bundespräsident Pascal Couchepin und Bundesrätin Michline Calmy-Rey. Zwei starke Persönlichkeiten, welche stets mutig und selbstbewusst ihre Ideen vertreten und auch entsprechend Einfluss nehmen.
Das kann man wirklich so sagen. Vergessen haben Sie vielleicht nur die Betonung ihrer Walliser Grinder, die auch schon aufeinandergeprallt sind, dies aber auch aushalten und schadlos überstehen können. Calmy-Rey wird sich noch steigern und Couchepin soll sich daran erinnern, dass auch er weiss, was ein Gaullist ist. Er hat mir einmal das Buch des französischen Soziologen Emmanuel Todd gegeben, der vor 10 Jahren Chirac aufmerksam gemacht hat auf die Gefahr der "fracture sociale", des Auseinanderbrechens der Gesellschaft, und der ihm so damals zum Wahlsieg verhalf. Couchepin muss dies ernster nehmen und weniger auf die deutschschweizer neoliberalistischen Ellenbögler seiner FDP hören.
Also, wir brauchen doch Leute mit Ecken und Kanten.
Ganz gewiss, aber eben solche, die kompatibel sind mit den Erfordernissen der Gemeinschaft, Europas und der Welt. Es braucht nicht nur einen grossen Geldsack, sondern auch ein grosses Herz und den Mut, dieses zu zeigen.
Aber mit einem neuen, wie etwa Ständerat Hans-Ulrich Merz, könnten Sie immerhin leben?
Leben kann ich mit vielem, das ist nicht das Problem. Die Frage ist, was der Schweiz heute wirklich hilft, und das wäre auch nicht Merz sondern viel mehr Fulvio Pelli.
Vom Wallis zu Europa: Als Vizepräsident des Europarates stehen Sie permanent in Tuchfühlung mit namhaften Politikern Europas. Wie wird Ihrer Ansicht nach die Schweiz im Ausland wahrgenommen?
So wie Blocher von mir: Reich, leistungsfähig, sendungsbewusst, egoistisch, mit einem grossen Maul, ständig auf Sendung und wenig auf Empfang, mit starken Ellenbogen, wenig Gefühl und Verständnis für Andersdenkende, für die Schwachen und Elenden dieser Welt. Das wird uns noch sehr schaden. Umso mehr sollten wir uns etwas einfallen lassen, dies zu ändern.
Welche Rolle steht der Schweiz in Europa und auf der Welt zu. Wie können sich unser Land und seine Bürgerinnen und Bürger einbringen?
Diese schöne Frage würde ich lieber in einem nächsten Interview beantworten, denn dazu ich würde gerne einiges sagen. Das Wichtigste: Die Schweiz muss beginnen, Europa und die Welt so zu behandeln, wie sie gerne selber behandelt werden will: Offen, solidarisch, hilfsbereit und grosszügig. Wir haben so viel zu bieten; wir müssen uns dessen nur bewusster werden und dann auch dorthin gehen, wo die anderen wirklich sind. Und aufhören, einfach den Grossen und Starken nachzurennen und nachzuplaudern.
Andreas Gross
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