4. März 2016

BaZ

VI. Kolumne zu den
US-Vorwahlen

Die US-Parteieliten erschrecken ob
der ihnen wenig bekannten Bürger



Vor fünf Wochen flog ich in die USA, um die Wahlen zu lesen. So wie erfahrene Joggeli-Besucher verstehen, ein Fussballspiel zu lesen. Durch die Beobachtung des Spielaufbaus, der Bewegungsabläufe, der Rhythmuswechsel, der Laufwege der Spieler, ihrer Ballwechsel, Kom­binationen und Spielverlagerungen erkennen diese Beobachter die Stärken und Eigenheiten der einzelnen Teams, die Fähigkeiten der einzelnen Spieler und ihr Zusammenspiel können sie abschätzen, wie sich ein Spiel entwickeln wird, welche Ergebnisse wahrscheinlich werden.

So machte ich mich via Boston nach New Hampshire im neuenglischen Nordosten der USA. Ich hörte im Radio den unzähligen politischen Dis­kussionen und Reden zu, las verschiedene überregionale und lokalen Zeitungen, deren Leitartikel und Leserbriefe zur anstehenden Wahl, be­suchte die Town-meetings der Kandidatinnen und Kandidaten beider Parteien, beobachtete den Aufmarsch des Publikums, hörte mich in ein­zel­ne Gespräche unter den Anwesenden hinein, sprach einzelne an zu ihren Präferenzen und hörte mir die Begründungen an, lauschte auf­merk­sam den Ausführungen der Kandidaten, beobachtete, wer wann klatschte, wer wann buhte, verfolgte die Dialoge zwischen den Kan­di­daten und einzelnen Fragestellern, beobachtete dann den Wahltag, hörte mir stundenlang die mehr oder weniger selbstgefälligen Reden der Sieger und Verlierer, die Analysen und Erklärungen der Ergebnisse an und machte mich dann auf in den nächsten Bundesstaat. In den Süden nach South Carolina und anschliessend etwas westwärts nach Alabama und Tennessee, wo die folgenden Wahlen mit den ähnlichen Fragen und Bemühungen anstanden, immer im Bemühen zu verstehen, was hier passiert, genauer, was sich zeigt in dem, was hier passiert, was die Leute zum Ausdruck bringen wollen mit dem Namen, den sie auf dem Wahlzettel ankreuzen.

Innert vier Wochen haben nun fünfzehn der 50 US-Staaten gewählt. Et­wa ein Viertel der Delegierten, die im Sommer an den beiden grossen Partei-Konventen ihren Kandidaten, beziehungsweise ihre Kandidatin bestimmen werden, sind nominiert und mandatiert. Die personellen Trends sind klar und widersprechen in mancherlei Hinsicht den Er­war­tun­gen der Parteispitzen. In beiden Parteien sind die Aussenseiter stär­ker als alle angenommen haben. Die Aufmüpfigen kommen besser an als die meisten dachten.

Bei den Republikanern dominiert der Aussenseiter, Milliardär und Anti-Politiker Donald Trump. Er siegte in zehn der fünfzehn Bundesstaaten. Trumps Fussabdruck: Eine ungehobelte, brachiale Rhetorik, unaus­ge­go­re­ne Inhalte sowie extreme Botschaften voller Halbwahrheiten und fern des traditionellen republikanischen Programms. Trumps Unart und Dominanz entsetzt die republikanische Prominenz so sehr, dass man­che fürchten, die Partei falle auseinander und werde dieses Wahljahr nicht überleben. Viel zu spät versucht es nun die republikanische Parteispitze mit dem Griff zur Notbremse: Vorgestern mobilisierte sie ihren letzten Präsidentschaftskandidaten, Mitt Romney, der 2012 Barak Obama unterlegen war, und liess ihn eine Rede halten, in der er Donald Trump in jeder Hinsicht fertig machte und für den Fall dessen Erfolgs verheerende Folgen für alle, die Welt im allgemeinen wie die USA im Besonderen, vorhersagte.

Doch das Problem der Republikaner grösser ist als bloss Trump: Die einzige für die meisten Republikaner akzeptierbare Alternative ist aus­gerechnet John Kasich, Gouverneur des grossen Industriestaates Ohio; und das ist jener der vier übrig gebliebenen Kandidaten, der bisher am schlechtesten abgeschnitten hat. Die beiden anderen Kandidaten, die wenig erfahrenen Senatoren Cruz (Texas, siegte in vier Bundesstaaten) und Rubio (Florida, siegte bisher nur in einem) sind Kinder der extre­men Teaparty-Bewegung, stehen rechts von Trump und fielen anläss­lich der beiden letzten grossen Debatten auf ein Niveau, das sie eben­so wenig präsidial erschienen liess wie ihren grossen Konkurrenten!

Ein Kommentator meinte zur republikanischen TV-Debatte von vor­ges­tern Nacht: «Wahrscheinlich die schlimmste Diskussion in der Ge­schich­te der US-Wahl-Debatten. Es schien mir, als ob nur ein einziger erwachsener Mensch dabei war, Gouverneur Kasich.» Einiges deutet darauf hin, dass viele prominente Republikaner hoffen und nun mit Dutzenden von Millionen in TV-Spots investierte Dollar darauf hinwirken werden, dass keiner der vier Kandidaten vor dem Partei-Konvent eine Mehrheit der Delegierten findet. Dann müsste am Konvent ein neuer Kandidat ausgehandelt werden – eine wenig transparente Form der Kandidatenkür, die letztmals 1948 praktiziert worden war.

Bei den Demokraten ist der Trend weniger dramatisch. Dank ihrer aus­serordentlichen Unterstützung bei den schwarzen Frauen, die in den Südstaaten die Mehrheit der demokratischen Mitglieder ausmachen, gewann die ehemalige First Lady, Senatorin und Aussenministerin Hillary Clinton die Mehrheit in elf der fünfzehn Bundesstaaten. Ihr so­zialdemokratischer Konkurrent Bernie Sanders begeistert weiterhin überraschend deutlich die jüngeren Wählerinnen und Wähler sowie alle, die mehr wollen als Establishment-Politik. Ob Sanders die Dele­gier­ten­mehrheit von Hillary Clinton noch gefährden kann, wird sich heute Abend in Kansas und Nebraska, morgen Sonntag in Maine und am Dienstag in Michigan abzeichnen: In diesen Staaten wählen viele Industriearbeiter, die Angst haben um ihren Arbeitsplatz und die San­ders ebenso überzeugen muss wie die Jüngeren und Intellektuellen, wenn er noch eine Chance haben will.

Doch plötzlich merke ich, dass Hunderttausende von US-Bürgerinnen und Bürger das gleiche machen wie ich. Sie versuchen diese so ei­gen­artigen Wahlen zu lesen und zu verstehen, was sie uns über die Be­find­lichkeit der mehr als 320 Millionen Menschen umfassenden US-ame­ri­ka­ni­schen Gesellschaft erzählen. Sie sehen plötzlich: Viel mehr unter ihnen haben viel mehr Angst, als den meisten bewusst war; sie ärgern sich ungleich mehr über die Politiker und ihre bisherige Politik und ha­ben jegliches Vertrauen in sie verloren. Die Gesellschaft durchziehen Abgründe, die bisher nur wenige erkannten. Diese wütenden, ver­äng­stigten Menschen belohnen jene, die möglichst deutlich sagen, dass einiges sich ganz grundsätzlich ändern muss in Washington und im Land. Sie sind Verlierer und haben den Eindruck, sie hätten auch ihre Heimat verloren, würden in mancherlei Hinsicht bedroht und deshalb verlangen sie eine deutliche Kurskorrektur. Sie haben auch genug von geschliffenen Reden und Analysen, möchten endlich Taten und wirk­li­che Reformen sehen, deren Früchte ihnen nicht länger vorenthalten werden.


Kontakt mit Andreas Gross



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