20. Feb. 2016

Hillary Clintons Erfahrungen
garantieren noch nichts



Hillary Clinton redet bei ihren öffentlichen Auftritten viel darüber, was sie seit den 1960er Jahren alles gemacht hat. Sie spricht viel von sich und verspricht allen, dass sie ihnen als Präsidentin helfen wird. Es ist viel von ihr selber die Rede. Manchmal macht sie den Eindruck, sie hätte fast Anspruch auf die Präsidentschaft, gleichsam als Auszeichnung für ihr Lebenswerk.

Einer der alten Spindoctors der Clinton-Maschine, James Carville, glaubte wohl wieder einen ganz süffigen Slogan für Hillary gefunden zu haben als er meinte: «Wir können nicht nur die erste Frau zur US-Prä­sidentin machen, wir haben mit ihr auch die für die Präsidentschaft best­qualifizierte Person seit General Washington, dem ersten Präsi­den­ten der USA.» Hillary war bekanntlich acht Jahre lang First Lady, acht Jahre lang US-Senatorin für New York und dann, nach ihrer Niederlage gegen den damaligen Senator Obama um die demokratische Präsi­dent­schaftskandidatur, dessen erste Aussenministerin. In den vergan­ge­nen drei Jahren bereite sie ihre erneute Kandidatur vor, sammelte viel Geld und organisierte die tausenden freiwilligen und professionellen Helfer, die ein erfolgreicher Kandidat in allen Staaten benötigt.

Der Faktencheck in der grossen Tageszeitung Boston Globe vom 3.2.2016 widerlegte Carville freilich sofort und schmälerte die Plau­si­bi­li­tät seines Slogans. So war der 15. Präsident der USA, James Bucha­nan, vor seinem grossen Amt Mitglied des staatlichen Parlamentes von Pennsylvania gewesen, wurde fünfmal in das US-Repräsentantenhaus gewählt, war Botschafter in Russland, dann wieder zehn Jahre lang US-Senator für Pennsylvania, wurde 1845 Aussenminister und dann US-Botschafter in Grossbritannien. Mehr Erfahrung hatte keiner vor oder nach ihm, als er 1856 seine Präsidentschaft antrat. «Doch als Präsident erwies er sich als Niete. Er konnte nicht führen, angesichts der sich abzeichnenden Sezession des Südens gelähmt, und unwillig, andere Meinungen als die eigene anzuhören», so der Autor des Boston-Globe, Jeff Jacoby. Als Buchanan zurücktrat, begann der amerikanische Bürgerkrieg.

Sein Nachfolger Abraham Lincoln, auch für Hillary Clinton der grösste Präsident aller Zeiten, war einer der am wenigsten erfahrenen Kandi­daten. Bloss zwei Jahre war Lincoln vor seiner Kandidatur Mitglied des US-Repräsentantenhauses (Nationalrat) und hatte eine gescheiterte Senats-Kandidatur hinter sich. Jeff Jacoby: «Eine Liste von Funktionen ist ein zwiespältiges Argument für eine Wahl. Integrität, Vision, Be­schei­denheit, Entschiedenheit und Bereitschaft zum Lernen – dies sind ver­lässlichere Zeichen für eine potentielle Präsidentin oder einen mögli­chen Präsidenten. Hillary hat einen feinen Lebenslauf. Doch die Ge­schichte hat uns einige Male gelehrt, dass es mehr braucht, um eine feine Präsidentin oder ein feiner Präsident zu werden.»


Kontakt mit Andreas Gross



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