27. Nov. 2015

TagesWoche Basel

XXVIII. Demokratie-Kolumne

Friedrich Albert Langes Bausteine für eine Theorie der Direkten Demokratie


In keinem anderen Land der Welt haben die Bürgerinnen und Bürger über so lange Zeit so viele Erfahrungen mit der Direkten Demokratie sammeln können wie in der Schweiz. Doch eine Theorie der Direkten Demokratie hat auch in der Schweiz bisher niemand entwickelt. Denjenigen, der diesem Anspruch wohl am nächsten kam, der im deutschen Rheinland und im Kanton Zürich beheimatete Philosoph Friedrich Albert Lange (1828-1875), kennt hierzulande fast keiner mehr.

Beides waren mit den Worten des Spiegels «Jahrhundert-Männer»: Der Hamburger Sozialdemokrat und politische Macher Helmut Schmidt (1918-2015) und sein Lieblingsphilosoph, der in Wien aufgewachsene und in London berühmt gewordene Sozialliberale Karl Popper (1902-1994). Schmidt war sich bewusst, dass es zum vernünftigen politischen Handeln «nichts Praktischeres gibt als eine gute Theorie» (Immanuel Kant) und verwies dazu auf Poppers in der neuseeländischen Emi­gra­tion (1937-45) verfasstes Hauptwerk Die offene Gesellschaft.

Für Karl Popper ist eine Theorie «ein Netz, das wir auswerfen, um die Welt (gleichsam erkenntnismässig ag.) einzufangen – um sie zu ratio­na­li­sieren und zu erklären». Theorien helfen bei der Orientierung in einer komplexen Sache oder Wirklichkeit. Sie erklären, bestimmen Wesenskerne und machen Beziehungen, Kausalitäten, Interaktionen und Folgewirkungen deutlich. Schliesslich helfen sie uns, den Wert unserer Erfahrungen und Beobachtungen zu beurteilen und die rich­ti­gen Konsequenzen daraus zu ziehen. So schrieb Popper in seiner Logik der wissenschaftlichen Forschung (1959): «Wir können noch so viele weisse Schwäne beobachtet haben; doch dies erlaubt nicht die Schlussfolgerung, dass alle Schwäne weiss seien.»

1870 war die Demokratie erst ein ganz junges und sehr seltenes Pflänz­chen. Ausgedacht hatte man sie schon vor Jahrhunderten. Doch erst im 18. Jahrhundert begannen einige in der Neuen Welt, sich wirk­lich selbst zu regieren. Tom Paine (TW 21.8.2015) zeigte, dass Men­schen keine Herren oder Könige brauchen, um ihre Lebensumstände zu gestalten. Jean-Jacques Rousseau (1712-1778) beschrieb, dass einzig die Bürger die Quelle legitimer politischer Macht sind und zeigte diesen, wie sie sich zur Selbstbestimmung organisieren können. Und 1789 zeigten die Franzosen mit ihrer Revolution, dass es ihnen ernst ist: Sie stürzten den König und erarbeiteten die ersten demokratischen Verfassungen in Europa. 1830 und 1848 kam es zu weiteren euro­pä­ischen Völkeraufständen und Versuchen, mit der Demokratie endlich zu beginnen.

Einigermassen gelungen ist dies dann bis in das letzte Viertel des 19. Jahrhunderts – sehr parlamentszentriert in Grossbritannien und etwas bürgernäher in der Schweiz. Damals lebte im deutschen Rheinland und im Kanton Zürich ein auch praktisch engagierter sozialdemokratischer Philosoph, Friedrich Albert Lange (1828-1875), der sich vorgenommen hatte eine Theorie der demokratischen Republik auszuarbeiten. Eine Theorie, welche zeigen sollte, was die Demokratie ist, wie sie am bes­ten eingerichtet wird, weshalb die Menschen sie benötigen und wie sie gestärkt werden könnte.

F.A.Lange war ein Mensch mit zwei Seiten, von denen bis heute leider nur die eine Hälfte, die deutsche und philosophische, überliefert ist. Dass er auch eine politisch praktische und schweizerische Seite hatte, ist leider auch in der Schweiz vergessen worden. Lange wurde 1828 in Solingen geboren, ging in Duisburg zur Schule, übersiedelte 1841 erst­mals in die Schweiz nach Zürich, da sein Vater an der dortigen Uni die Stelle als Professor für Kirchengeschichte angenommen hatte. Fried­rich Albert fand im Gymnasium Kollegen, mit denen er später politisch viel Erfolg haben sollte. Erst begann er 1847 in Zürich mit dem Studium der Philologie, zog mit dem Vater 1848 aber wieder nach Bonn, wo er sich zum Philosophen und Pädagogen ausbildete und gleichzeitig in der demokratischen Revolution praktisch und journalistisch engagiert war.

Als Lehrer in Duisburg vermochte F.A.Lange sich über Wasser zu hal­ten. Politisch hatte er sich erst den oppositionellen Liberalen und später der sich organisierenden Arbeiterbewegung angeschlossen. Die Ver­bes­se­rung der sozialen Lage der Arbeiter und deren politische Be­frei­ung: Das waren Langes Hauptanliegen. Dazu kamen von ihm 1865 und 1866 zwei Werke, Die Arbeiterfrage und die Geschichte des Materia­lis­mus, welche mehrere Auflagen erlebten und bis zur ersten deutschen Demokratie in der Stube von Hunderttausenden von deutschen Sozial­demokraten zu finden waren. In diesen Büchern wandte sich Lange ge­gen den passivierenden, geschichtlichen Determinismus seiner marx­is­ti­schen Genossen und plädierte für viel mehr eigenes Engagement der Arbeiterinnen und Arbeiter, wenn deren Befreiung gelingen sollte: «Sollte das Volk wirklich sich selbst regieren, so muss seine geistige Kraft und seine Einsicht mehr und mehr entwickelt werden. Ohne Bil­dung des Volkes ist die politische Freiheit nur ein Trugbild», schrieb er beispielsweise und betonte, dass die Arbeiterschaft sich dabei vom Staat unterstützen, jedoch nie sich ganz auf den Staat allein verlassen dürfe.

Mitte der 1860er Jahre verlor Lange seiner preussischen Gegner we­gen seine Lehrstelle. Da erinnerte ein ehemaliger Mitschüler aus dem Gymnasium, der mittlerweile zum Verleger des Winterthurer Landboten gewordene Salomon Bleuler, sich seiner und holte ihn als zweiten Re­daktor zum Kampfblatt der aufkommenden Zürcher Demokratischen Bewegung. Hier konnte sich Lange nun total entfalten. Einerseits schrieb er täglich Leitartikel zur Vertiefung und Popularisierung der revolutionären Kernidee der Zürcher Bewegung, über die Verfassung der Volksrechte, die Ergänzung des Wahlrechtes durch das Recht auf Initiative und Referendum. Lange am 3. Januar 1868 im Landboten: «Unser ausgesprochenes Ziel ist ja, die Klüngelherrschaft zu besei­ti­gen, die neue Geldaristokratie zu stürzen und an ihre Stelle die wahre ehrliche Volksherrschaft zu setzen, die Demokratie im besten Sinne, bei welches Alles für, aber auch Alles durch das Volk geschieht.»

Friedrich Albert Lange war auch Kantonsschullehrer in Winterthur, Stadt­rat, einer der einflussreichsten Verfassungsräte, Kantonsrat, Erziehungsrat, Gründer des Konsumvereins und kurz sogar Professor. Als solcher wurde er 1872 nach Marburg berufen, wo er wiederum als Philosoph zu den Mitbegründern der Neukantianer gehörte. Und so ist er vielen in Erinnerung geblieben; zu seiner Theorie der demo­kra­ti­schen Republik kam er leider nie, da er viel zu früh 1875 in Marburg verstarb. Seine über 200 Leitartikel für den Landboten enthalten aber unzählige Bausteine zu dieser Theorie, die freilich erst wieder richtig zusammengesetzt werden müssen.


Kontakt mit Andreas Gross



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