11. Okt. 2015

AZ-Medien
Schweiz am Sonntag

Das Verfahren der Bundesanwaltschaft
wird nun endlich die Gerüchte beenden
und Fakten hervorbringen



Herr Gross, Sie haben sich als Mitglied des Europarats drei Jahre lang mit der Fifa auseinandergesetzt und dazu einen Bericht mitverfasst. Be­grüssen Sie, dass Sepp Blatter als Fifa-Präsident suspendiert wurde?

Ob die Suspendierung ist gerechtfertigt ist, ist von aussen ohne Kennt­nis der von der Ethikkommission gewonnen Einsichten schwer zu be­ur­teilen. Eines beweist sie aber: Der Vorwurf, Sepp Blatter habe es mit den Reformen nie ernst gemeint, sie weder angestossen noch durch­ge­setzt, ist widerlegt worden. Die Reformen zeigen nun an ihm selber durchaus Wirkung. Er selber war es ja, der die Ethikkommission, die ihn nun abgesetzt hat, einberufen hat. Ich habe durchaus den Eindruck, dass einige der Vorwürfe, die seit Monaten auf Blatter herabprasseln, ihm nicht gerecht werden.

Blatter ist nicht das Hauptproblem?

Meiner Meinung nach nicht. Bei unseren Anhörungen für den Europa­rats­bericht hatten wir mehrere Hearings, auch mit Blatter und mit an­de­ren Fifa-Verantwortlichen. Dabei bekamen wir den Eindruck, dass Blat­ter vor vielleicht vier oder fünf Jahren gemerkt hat, dass sich bei der Fifa einiges ändern muss, und seither Reformen anstiess und einiges unternommen hat, um die Korruption zu bekämpfen. Andere Fifa-Ver­antwortliche, auch solche aus Europa, drückten da immer noch auf die Bremse und wollten nicht mitwirken. Freilich frage ich mich, weshalb Sepp Blatter nicht schon früher damit begann und wie viel er wirklich um die Sündenfälle in den Föderationen wusste.

Halten Sie ihn selbst für sauber?

Strafrechtlich durchaus. Ich hatte nicht den Eindruck, dass es Sepp Blatter um seine persönliche Bereicherung ging. Deshalb bin ich auch froh, dass die Bundesanwaltschaft ein Strafverfahren eröffnet hat – denn dieses wird die Gerüchte beenden und Fakten hervorbringen. Ich wäre nicht überrascht, wenn herauskäme, dass Blatter selber sich nichts Unredliches zu Schulden kommen liess. Diese Klarheit wäre hilfreich, so dass auch Stimmungsmacher wie Guido Tognoni oder einige britische Blatter-Basher präziser werden müssen.

Sie meinen den Ex-Fifa-Manager, der in den Medien als Experte auftritt?

Er kommentiert ja meistens auf der Basis von Gerüchten, dabei ist seine eigene Rolle unklar: Warum hat er so lange für die Fifa ge­ar­beitet, wenn diese so übel ist? Was hatte er für Reformen vorge­schla­gen? Als ich vor drei Jahren die These vertrat, Blatter sei eher ein Teil der Problemlösung als das Problem, stauchte er mich anschliessend furchtbar zusammen.

Glauben Sie, dass Blatter nochmals zurückkommt?

Temporär schon: Er wird wohl nach Ablauf der Suspendierungsfrist für etwa zwei Monate zurückkommen und den Kongress vorbereiten, an dem sein Nachfolger gewählt werden soll. Aber insgesamt liegt jetzt ein Schatten über ihm, der in allen Details geklärt werden sollte.

Kommt Michel Platini noch als Nachfolger in Frage?

Das glaube ich nicht. Er steht heute weniger für die weitere Stärkung des Reformprozesses ein wie Blatter und machte unter klarem po­li­ti­schem Einfluss auch Fehler, die Blatter nicht machte. So stimmte er für Katar als WM-Austragungsort, was Blatter nicht tat.

Wen sehen Sie aufgrund Ihrer Anhörungen als besten Kandidaten?

In unseren Hearings machte mir vor allem der frühere französische Diplomat und Fast-Kandidat dieses Jahres, Jérôme Champagne, einen sehr überzeugenden Eindruck gemacht. Wie Blatter möchte er das Geld, das die Fifa verdient, allen Ländern dieser Welt zukommen lassen und nicht – wie die Engländer und zum Teil die Deutschen und Spanier – alles in Europa behalten.

Wenn ein Nicht-Schweizer Präsident wird, ist dann der Fifa-Sitz in Zürich in Gefahr?

Nein. Der Sitz bleibt in Zürich, da wurde zu viel investiert. Zürich bliebe für die meisten sehr attraktiv. Selbst wenn die Fifa hier anständig – das heisst deutlich mehr - Steuern bezahlten müsste, womit Sepp Blatter übrigens immer einverstanden gewesen wäre. Genf war schliesslich auch jahrzehntelang zweite UNO-Stadt, selbst als die Schweiz noch nicht Mitglied der UNO war.

Platini möchte die Fifa aber nach Paris bringen.

Das ist durchaus möglich. Aber er hat auch die Uefa vom Genfersee nicht nach Paris gebracht und dürfte, wie gesagt, seine Hoffnungen auf das Fifa-Präsidium abschreiben müssen. Ich sage dies, obwohl er für mich einer der feinsten Fussballer der Geschichte war und menschlich ausserordentlich freundlich und zugänglich ist.


Kontakt mit Andreas Gross



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