16. Okt. 1986

Tages-Anzeiger
Hintergrund
Seite 2

Jurassier zwischen Poesie und Politik

Am kommenden Wochenende wählen die jurassischen Stimmberechtigten zum dritten Mal ihr eigenes Parlament und ihre Regierung. Eine gute Gelegenheit für einen kurzen Rückblick: Was ist aus der mächtigen Volksbewegung geworden, die gegen Bern einen eigenen Kanton erkämpfte? Rechtfertigten sich die grossen Hoffnungen? Oder ist aus dem «Kampfkanton» ein Kanton wie irgendein anderer geworden?

Von Andreas Gross

1974 verschafften sich die Jurassier, wofür sie 27 Jahre lang gekämpft hatten: ihren eigenen Kanton. 1975 fand dieser durch die berühmt-berüchtigten Plebiszite seine gegenwärtigen Grenzen, welche die Jurassier als künstliche Teilung ihrer historischen Einheit empfinden. 1977 stimmten sie einer progressiven Kantonsverfassung zu. 1978 gaben auch die übrigen Schweizerinnen und Schweizer der «République et Canton du Jura» als 23. Stand der Eidgenossenschaft an den Urnen ihren Segen.

«Achtung, Jurassier, die helvetische Norm lauert auf Euch!» So warnen die heutigen Jungseparatisten, die Béliers ihre Landsleute in ihrem Aufruf zu den kommenden Wahlen. «Hütet Euch vor dem Geschwätz der Politikanten.» Sie befürchten, der Wahlsonntag werde mit dem Einzug eines Freisinnigen in die fünfköpfige Kantonsregierung auch dem Jura die «sakrosankte Zauberformel» verpassen, «so beruhigend wie einschläfernd zugleich». Die FDP ist für die Béliers immer noch die antiseparatistische Partei, das Symbol der Treue zu Bern. Der Bélier-Wahlaufruf schliesst deshalb mit den Worten: «Jurassier. das Wahlwochenende wird zeigen, ob wir noch wissen wofür wir gekämpft haben, oder ob der Kampf zur Nostalgie verkommen ist, zum Schmuck der Veteranentreffen ehemaliger Kämpfer für den Kanton Jura!»

Alte Vorurteile?

Die verbalen Höhenflüge der Jungseparatisten mögen in der übrigen Schweiz wieder alte Vorurteile bestätigen. Schon Jeremias Gotthelf liess im Bauernspiegel einen Emmentaler Bauern «von den wüsten Leuten hinter den blauen Bergen» reden. Das war 1837, 22 Jahre, nachdem die Sieger über Napoleon in Wien den Jura zum grossen Teil an Bern verschachert hatten. Zu Zeiten der Französischen Revolution bildete der Jura zwischen 1793 und 1800 das «Département du Mont Terrible» Frankreichs. Sinnigerweise heisst nun aber «terrible» sowohl «furchtbar und schrecklich», in Anlehnung an die Umgangssprache aber heute auch «phantastisch und toll». Eine Doppeldeutigkeit, die gut zur jüngeren Geschichte des Juras passt. Verknüpften doch die einen grosse Hoffnungen mit ihr und insbesondere dem neuen Kanton, während dieser andere nur ärgert. So ist beispielsweise der jurassische Ständerat Roger Schaffter (CVP) - zusammen mit Roland Béguelin (SP) anerkanntermassen einer der beiden historischen Schöpfer des jüngsten Kantons - überzeugt, dass die Mehrheit der National- und Ständeräte zu Bern «den Jura insgeheim immer noch verabscheut».

Zu den Künstlern, die wesentlich zur Befreiung des Juras beitrugen, gehören der Maler und Schriftsteller Tristan Solier (68) sowie der Dichter Alexandre Voisard (56). Beide stammen aus Porrentruy, der ehemaligen Hauptstadt des «Département du Mont Terrible», heute neben der roten Kantonshauptstadt Delemont die zweite Stadt des Kantons und das «Athen des Jura» genannt. Voisard und Solier waren gleichsam die Poeten des Rassemblement Jurassien. Voisard sagt: «Für mich war der Kampf für die Befreiung des Juras Berufung und eine poetische Handlung, weit mehr als ein politisches Engagement. Im Jura leben hiess und heisst für mich poetisch leben. Während des Kampfes in den sechziger und siebziger Jahren dachten alle Jurassier so: Der Kampf war ein Stück Poesie, ein in Handlungen umgesetztes Gedicht.»

Tristan Solier meint: «Ich lernte Anfang der sechziger Jahre im Widerstand gegen einen Waffenplatz, dass Heimat nichts Abstraktes ist, sondern für mich aus Bäumen, Menschen und Gesichtern besteht. Für sie schloss ich mich auch der jurassischen Bewegung an. In dieser Bewegung träumten wir, leidenschaftlich und phantasievoll, jeder auf seine Art. Ich träumte von einer Gesellschaft, in der die Kultur und nicht die Politik den Motor der Entwicklung bedeuten würde. So sehr, dass ich zum Zeitpunkt, als der neue Kanton wahr wurde, eigentlich überrascht war, dass wir überhaupt noch Schweizer waren.»

Alexander Voisard, heute immerhin oberster Kulturbeamter (Delegué pour la culture), meint im Rückblick, er habe schon gewusst, dass «jener Akt der Poesie einmal zu Ende gehen würde». Menschen könnten nicht ewig das Niveau solcher Qualitäten halten, sie wurden schnell wieder zu normalen Erdenbürgern mit ihren täglichen Sorgen und Nöten. «Doch ging das schneller, als ich es mir vorgestellt hatte. Im Verfassungsrat war der Elan noch Vorhanden, nach der Wahl unserer ersten Kantonsregierung vor acht Jahren war aber vorbei. Wir haben einen Fehler gemacht, als wir in den sechziger und zu Beginn der siebziger Jahre um der Einheit der Bewegung Willen auf die Diskussion unserer verschiedenen Zukunftsvorstellungen verzichteten. Als wir den neuen Kanton hatten, waren wir dazu zu Müde. Leere und Gleichgültigkeit kamen auf. Eines haben wir immerhin gelernt und bewahrt: miteinander zu leben, tolerant zu sein.»

Auch Tristan Solier ist überzeugt, dass die Jurassier nicht früh genug über die «Befreiung» hinaus gedacht hätten: «Als wir sie geschafft hatten, demobilisierte uns das. Der neue Kanton war ein altes Ziel, statt ein neuer Anfang. Konnte man früher mitten in der Nacht zwanzig Leute zusammentrommeln und etwas unternehmen, weiss ich heute nicht einmal mehr, mit wem ich meinen Apéro trinken soll. Die schlimmste Strafe für eine Revolution ist eben ihr Erfolg!»

Realistische Politiker

Andere, die ebenso gekämpft haben, teilweise länger als ein Jahrzehnt, sind weniger enttäuscht: Der Publizist Roger Schaffter (69), heute Ständerat; der frühere Lehrer und jetzt zurücktretende reformfreisinnige Regierungsrat Roger Jardin (68); der Bauer und Ex-Bélier Jean-Pierre Beuret (39), als Unabhängig-Christlichsozialer seit acht Jahren einer der beiden starken Männer im Regierungsrat sowie der Bauzeichner Bernard Burkhard (43), Kommunist im roten Stadtrat von Delemont und zum dritten Mal Regierungsratskandidat.

Für Roger Schaffter ist klar, dass der Kampf um die Macht immer schöner ist als die Machtausübung selber: «Als wir für den autonomen Jura kämpften, hatten wir den idealen Staat im Auge. Doch den gibt es nicht. Politik ist etwas anderes als das lyrische Schaffen.» Roger Jardin findet: «Wir brauchen Jahrzehnte, um die Folgen des bernischen lmmobilismus zu überwinden. Bevor wir besondere Fortschritte machen können auf der Basis unserer fortschrittlichen Verfassung, müssen wir erst einmal den Rückstand aufholen.»

Auch Regierungsrat Beuret ist nicht enttäuscht: «Als Bauer bin ich Realist, träume weniger und machte mir keine Illusionen.» Als Wirtschaftsminister gibt er sich sehr wirtschaftsliberal und marktorientiert. Seine Aufmüpfigkeit bezeugt er vor allem in der Jurafrage: «Wir Jurassier haben eine eigene Art von Revolution hinter uns. Solange unsere Einheit nicht wiederhergestellt und unsere künstliche Teilung nicht überwunden ist, werden wir niemals ein Kanton wie ein anderer sein. Die jurassische Regierung kann keine Grenzen anerkennen, die uns von aussen aufgezwungen worden sind, nur weil einige zu schnell Kompromisse suchten und zu wenig politischen Mut besassen. Die Teilung des Juras empfinden wir als Verbrechen, das wieder gutgemacht werden muss.»

Bernard Burkhard lässt sich allerdings wegen des auch für ihn unbestrittenen Gebots der Wiedervereinigung des Nord- und Südjuras nicht von der Klassenfrage ablenken: «Auch ein neuer Kanton kann die ökonomisch begründeten Machtverhältnisse in einer Gesellschaft nicht schlagartig verändern. Dazu braucht es eine Einheitsbewegung der linken Parteien, Gewerkschaften, Mieterverbände und Rentnervereinigungen wie sie 1977 bestand und wesentlich zur progressiven Verfassung mit ihren modernen Sozial- und Grundrechten beigetragen hat. Nur mit einer solchen Bewegung liesse sich verhindern, dass die Mitte-Links-Tendenz der ersten Legislaturperioden durch eine Mitte-Rechts-Politik abgelöst wird; noch hat der Jura die Chance, ökologisch nicht die gleichen Fehler zu begehen wie die meisten Kantone vor ihm.»

In den Freibergen, dem bevölkerungsärmsten, dafür landschaftlich schönsten der drei jurassischen Bezirke, sind ehemalige Militante wie Beuret und Burkhard zu finden, die allerdings im Unterschied zu diesen beiden nie ein Regierungsamt übernehmen würden. Der Chansonnier, satirische Redaktor und Lehrer Pierre-André Marchand aus SouIce zum Beispiel, der sich als libertär versteht, politische Auseinandersetzungen liebt, aber Macht verhöhnt: «Ich bin keineswegs enttäuscht vom neuen Kanton. Ich habe schon früh in den siebziger Jahren gesagt, die Befreiung des Juras werde dazu führen, dass wir nicht mehr von fremden, sondern von eigenen Schelmen regiert werden.» Als ihm der «Jura libre», die Hauszeitung der Separatisten, zu «weinerlich» wurde, gründete er mit Freunden das Satireblatt «La Tuile» (Der Dachziegel): «Denn die Jurassier wollen lachen, nicht weinen.» Das Blatt erscheint bereits im 15. Jahrgang, in einer Auflage von 1600, was angesichts der bloss 65'000 Einwohner des Kantons Jura höchst beachtlich ist.

Einer von Marchands Mitarbeitern ist Jean-Louis Miserez aus Le Noirmont. Er arbeitete Ende der sechziger Jahre in Basel beim Zoll und besass schon damals den Übernahmen «Bombenleger» - obwohl er nie solches im Sinn gehabt hat. Miserez' Gruppe war militant, aber gewaltfrei und fand grosse Unterstützung in der Bevölkerung - beispielsweise im Kampf gegen den Waffenplatz in den Freibergen. Miserez: «Ohne diesen Kampf gäbe es keinen Kanton Jura. Ohne Kanton Jura hätten wir wohl aber einen Waffenplatz.» Miserez Bilanz aus den letzten 10 Jahren: «Wir haben die Möglichkeiten eines Kantons innerhalb der Schweiz überschätzt. Wir hatten nicht daran gedacht, dass uns ein eigener Kanton noch schweizerischer machen könnte, als wir ohnehin schon waren. Doch was soll's: Mir hat unser Kampf Freundschaften auf der ganzen Welt eingetragen. Mehr will ich gar nicht.»

In den Kategorien der Gegenwart

Auch auf der anderen Seite des politischen Spektrums lernt man mit dem neuen Kanton leben. Beispielsweise der freisinnige Ständerat Gaston Brahier (59), der als «orthodox-Freisinniger» mit aller Wahrscheinlichkeit den «Reformfreisinnigen» Jardin in der Regierung ablösen wird. Brahiers Motto: «Die Zeit ist gekommen, nicht mehr einer bewegten Vergangenheit nachzuhängen, sondern in den Kategorien der Gegenwart zu handeln.» Mit Brahiers Wahl in die Regierung könnte sich die FDP des Jura ihrer für sie unbequemen Oppositionsrolle entledigen, in der sich paradoxerweise die Berner Schwesterpartei derzeit einüben muss.

Ursprünglich mit Brahier für einen Autonomiestatus des Juras im Kanton Bern gekämpft hatte Anfang der siebziger Jahre auch der Tabakindustrielle Antoine Artho aus Boncourt. «Damals mussten auch Leute aus der Wirtschaft in die Politik einsteigen, denn nichts ging mehr. Heute kann ich mich als Kantonsrat aus der Politik zurückziehen und mich wieder ganz der Wirtschaft widmen», meint Artho, ehemaliger Deutschschweizer, der den neuen Kanton schneller akzeptiert hat als die Mehrheit seiner FDP-Kollegen, es gegen deren Willen bis ins Büro des Verfassungsrates brachte und vor allem vor der eidgenössischen Juraabstimmung 1978 viel für den neuen Kanton geleistet hat. Artho bilanziert: «Der heutige Kanton entspricht dem, was sich die meisten Jurassier von ihm erwartet haben.»

Dieser Ansicht ist auch Liliane Charmillot (CVP), erste Präsidentin des jurassischen Kantonsparlamentes: «Nach dem Erfolg sind die Leute einfach etwas müde geworden, deshalb engagieren sie sich nicht mehr so. Doch zufrieden mit dem neuen Kanton sind sie bestimmt. Wunder kann sich in der Schweiz doch niemand erhoffen.»

Büro für Frauenlragefl

Etwas von der alten Dynamik aus den siebziger Jahren ist dafür bei der jungen Sozialwissenschafterin Marie-Josèphe Lachat (32) in Delemont zu spüren, die als Delegierte für Frauenfragen ein Büro leitet, wie es in der Schweiz nur der Kanton Jura kennt: Das Büro für die Lebensbedingungen der Frauen. Dort versucht die Schwester von Regierungsrat Lachat, die stolz ist, wenn sie als Feministin angesprochen wird, ein für einen schweizerischen Kanton einzigartigen Verfassungsauftrag zu verwirklichen: Verbesserung der Lebensbedingungen der Frauen. Förderung der Übernahme von Verantwortung durch Frauen in allen gesellschaftlichen Bereichen und Abbau der Diskriminierungen, denen Frauen zum Opfer fallen. Marie-Josèphe Lachat: «Wir sind auch als Beamte immer noch militant. Das Neuland, das wir zu betreten hatten, hat uns bis heute vor Routine bewahrt.» Das Büro von Frau Lachat kann alle Gesetzesvorhaben auf das Kriterium der egalitären Stellung der Frau begutachten. Erfolge kann sie bisher in der Aufhebung der Benachteiligung der Mädchen in den Schulen vorweisen; derzeit ein grosses Problem ist beispielsweise die materielle Besserstellung der Frau in den Betrieben. Frau Lachat kommentiert: «Gewisse Unternehmer lassen uns nicht einmal in ihre Bücher schauen. Das aufzeigen zu können, ist allerdings bereits ein Fortschritt.»

Und wie lautet die Bilanz jenes Mannes, ohne den sich viele Jurassier ihren Kanton kaum vorstellen können? Für Roland Béguelin, den Generalsekretär des Rassemblement jurassien, besteht die «historische Leistung» darin, bewiesen zu haben, dass keine Politik und kein Staat als «Schicksal» empfunden werden muss: «Die Jurassier haben bewiesen, dass Staatsmacht abgebaut, umgebaut und neu aufgebaut werden kann. Allerdings haben wir auch nicht mehr zustande gebracht als eine Demokratie westlichen Typus mit allem Parteiengezänk, die eine solche mit sich bringt. Doch keiner hat mir bisher sagen können, was wir statt dessen hätten aufbauen sollen.» Und schmunzelnd fügt Béguelin hinzu: «Das Bundesrecht schränkt einen Kanton natürlich ein. Eine eigene Republik hätte uns schon mehr Freiheiten gegeben.»

Die jurassische Parteienlandschaft

Jura-Parlament 1978:
CVP - 32.5 %
SP - 18.1 %
PCSI - 13.8 %
PRR - 5.8 %
FDP - 23.7 %
PdA - 3.3 %
SVP - 2.8 %

Jura-Parlament 1982:
CVP - 31.8 %
SP - 18.2 %
PCSI - 12.3 %
PRR - 4.7 %
FDP - 26.3 %
PdA - 4.3 %
SVP - 2.3 %

Nationalrat 1979:
CVP - 37.7 %
SP - 15.2 %
PCSI - 16.2 %
FDP - 30.9 %
SVP - 0 %

Nationalrat 1983:
CVP - 39.6 %
 (CVP 25.1 % / Liste Jean Willhelm 14.5 %)
SP - 17.8 %
PCSI - 11.8 %
FDP - 28.8 %
SVP - 2.0 %

Andreas Gross



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